James Scott beschreibt, wie er auf einer Trekkingtour in Nepal vom Weg abkommt und trotz widrigster Umstände die unglaubliche Zeit von über 40 Tagen in Eiseskälte, völlig abgeschnitten von der Welt, überlebt.Eingeflochten sind Passagen, in denen seine Schwester ihre verzweifelte Suche nach ihrem Bruder beschreibt. Keine Frage - James Scott und seine Schwester haben ein unglaubliches, bewundernswertes Durchhaltevermögen gezeigt; Scott, weil er völlig abgeschnitten in der Wildnis die Hoffnung nicht aufgegeben hat und ohne Nahrung länger überlebt hat, als selbst Einheimische für möglich hielten; seine Schwester ihrerseits, weil sie zunächst von Australien aus, dann in Nepal selbst alle Kräfte mobilisiert hat, ihren Bruder trotz schlechtester Prognosen zu finden. Trotzdem: Ich habe mich immer wieder geärgert! Vor allem Robertson fällt in einigen Passagen unglaublich negative Urteile über die nepalesische Bevölkerung. Immer wieder kommen ihre Vorurteile durch, die sie als Australierin gegenüber diesem "halbzivilisierten" Land hat. Ihre Schilderung der ersten Eindrücke von Kathmandu sind an Naivität fast nicht zu schlagen. Sie zeigt sich schockiert und abgestoßen von Armut und Schmutz. Ich frage mich wirklich, ob sich Frau Robertson vor ihrer Abreise ernsthaft informiert und mit ihrem Reiseziel auseinandergesetzt hat. Nepal gehört nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Erde. Und da kommt eine Australierin daher und beklagt sich, dass das Taxi, in dem sie fahren muss, nicht den gewohnten Standards entspricht (sie spricht wörtlich von einem "sozialen Abstieg"). Mein zweiter Kritikpunkt dreht sich um die Umstände, unter denen Scott sich verirrt hat. Beim Lesen hat man manchmal den Eindruck, alle anderen seien Schuld, nur der Autor nicht. Jeder, der schon einmal im Himalaya zum Trekken unterwegs war, weiß zum Beispiel, wie schnell sich dort das Wetter ändert. Man weiß, dass man sich nur mit guter Ausrüstung auf den Weg machen und seine geplante Route nur ändern sollte, wenn man qualifiziertes Kartenmaterial dabei hat. Und zuletzt - alleine gehen ist gefährlich. Der Autor hat meines Erachtens so ziemlich jede Vorsichtsmaßnahme mißachtet, die man wirklich in jedem Buch über Trekking nachlesen kann. Natürlich ist es menschlich, Fehler zu machen. Aber wieso sind es dann die anderen Trekker, die ihm die falsche Route empfehlen? Wieso sind die anderen Trekker schuld, die ihm begegnen und ihn nicht weiter nach seinem Ziel fragen? Wieso geht er im Winter in Turnschuhen los? Wieso trennt er sich von seinem Trekkingpartner ohne nachzuprüfen, ob er eine Karte dabei hat? Er macht sich alleine auf den Rückweg, ohne Proviant (ok., er hat zwei Schokoriegel dabei ...) und zum Beispiel ohne Streichhölzer oder Feuerzeug. Das soll jetzt nicht abfällig klingen nach dem Motto "selbst schuld". Nur hätte ich nach einem derartigen Erlebnis einen Hauch Selbstkritik erwartet bzw. die Bereitschaft, sich ehrlich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum ihm das passiert ist.