-welch ein anrührender und von Tilman Röhrig liebevoll geschriebener Roman!
Der Autor versteht es, durch seine Kunst des Erzählens, den Leser unmittelbar in den Romananfang mitzunehmen, um ihn in die Wogen der Jubelrufe des geknechteten Volkes im mittelalterlichen England einzutauchen, das seine ganze Hoffnung auf den neuen König, Richard Löwenherz, setzt; und wir erleben mit, wie dieses kraftvolle "Es lebe der König!" verstummt, als das "Schiff der Hoffnung" die Segel zum Aufbruch setzt, weil der neue Herrscher sich einer höheren Aufgabe, dem Kreuzzug, verpflichtet fühlt...
So können wir auch die Angst der Menschen spüren, die fürchten, dass Graf Johann, der feindliche Bruder Richards, dieses Machtvakuum mit bestialischer Härte füllen wird...
Und so erleben wir hautnah, wie Johanns Schergen von Dorf zu Dorf ziehen und eine unermessliche Spur des Schreckens hinterlassen...
Wir werden Zeugen eines schrecklichen Überfalls, bei dem die kleine Marian, die wir schon als quirliges Mädchen liebgewonnen haben, von ihrer Erdkammer aus - noch eingehüllt in ihren geliebten "Geruch nach Brot und Frucht" - mitansehen muss, wie auch ihre Mutter und der kleine Bruder umgebracht werden:"(...) kein Laut brach hinaus. In ihrem Kopf schrie sie weiter, gellend..."
Diesem traumatisierten Kind, das jetzt nicht mehr sprechen kann , erstarrt, gehört unser ganzes Mitgefühl... Und so rührt uns besonders das emotionale Verhalten des Sympathieträgers des Romans, Little John, der Freund der Mutter Marians, der in der äußerst subtil beschriebenen Szene von seiner toten Freundin Abschied nimmt und - wach gerufen von dem Leid und der grenzenlosen Hilflosigkeit dieses kleinen Mädchens - mit ihm in den Wäldern vor den Verfolgern Schutz sucht...Tilman Röhrig gestaltet auch hier ganz einfühlsame Szenen: Little John konzentriert seine ganze Kraft und Liebe auf Marian: Wie anrührend sind seine liebevollen Gesten, z.B. als er das Kind auf das weiche Moos bettet, und so freuen wir uns mit ihm über jede Reaktion des erstarrten Kindes, fühlen z.B. Johns überschwängliche Freude , als sie gemeinsam als "Honigdiebe" die Waben ausquetschen und genüsslich aussaugen und Marian das Trinkhorn gierig leert, stumm lacht, ihren Finger in seine Locke dreht , das Gesicht in seine Haarmähne drückt...usw...
Der Leser kann gespannt sein, wie dieser subtile Handlungsstrang verläuft...
Auf ihrer Flucht treffen die beiden Unbehausten -ohne es zu wissen - auf den legendären Helden Robin Hood, den Anführer der Geächteten , die als leidgeprüfte Schicksalsgenossen einen hartnäckigen Kampf gegen die adligen Blutsauger führen und durch Überfälle auf reiche Kaufleute den Bauern helfen, dass die Äcker bestellt und die ausgeplünderten Vorratskammern sich wieder füllen können.
Zwischen den beiden Protagonisten kommt es auf einem schmalen Steg zu einem "symbolischen" Ringen... Little John und Marian finden in der Gemeinschaft der Geächteten eine menschliche Heimat. Robin Hood bemüht sich um die Freundschaft von John und gewinnt dessen Herz. Als Offizier im Gefolge von Robin Hood lernt er dessen militärische Strategien und die Kunst des Bogenschießens, erfährt, dass List Robins Spiel und eine gefährliche Waffe ist, merkt, dass das Volk sich von Robin Hood "ein Bild aus Wünschen gemacht hat und dass nichts diese Farben trüben durfte"...
Mäßigend wirkt er auf Robin ein, der mit seiner Macht spielt und absolut davon überzeugt ist, niemand könne seine "Kunst der List" übertreffen. Little John, ausgestattet mit den Gaben der Klugheit, Intuition und Empathie, erkennt die Gefährdungen seines Freundes, hat Angst, dass Robin , der sich als Stellvertreter des abwesenden Königs fühlt, sich von Richard Löwenherz auch "ein Bild aus Wünschen" macht, und John will in vielfacher Hinsicht "der Hüter seines Bruders"sein...
Wird es ihm gelingen?...
Auch hier erwartet den Leser ein "abenteuerlich"-dichter Handlungsstrang mit einer immensen Spannung...
Tilman Röhrig hat sich dem Mythos "Robin Hood" in einer einmaligen und subtilen Weise genähert und regt mit seiner Gestaltung eine tiefgehende allgemeine Auseinandersetzung mit "Heldentum" und dem Kampf um Gerechtigkeit aus: "Solang es Unrecht gibt..." : Der offene Titel füllt sich zum Schluss mit einer bedeutungsvollen Aussage...
Mögen viele Leser dieses vielschichtige, einfühlsame Buch, das es versteht, Heldentum auf den Kopf zu stellen, auch so intensiv erfahren und erleben...