Sokratische Dialoge sind zum Inbegriff moderner Psychotherapie geworden. Der Klient wird dabei durch Fragen zu eigener Erkenntnis geführt. Therapeut und Patient begeben sich auf eine gemeinsame Suche nach dem angemessenen Weg, es wird (zumindest der Intention nach) gelehrt ohne zu belehren. Aber wie geht das? Stavemann bemängelt, dass in vielen Therapiebüchern auf die sokratische Methode verwiesen wird, ohne sie je im Detail zu erläutern und holt das nach. Dazu untersucht er sowohl historische als auch moderne therapeutische Texte.
Die sokratische Methode hebe sich nämlich vom reinen Disputieren irrationaler Ideen ab und zeichne sich durch eine „regressive Abstraktion" aus, einer Debattiertechnik, mit der Begriffe auf ihre Wurzeln zurückgeführt und Widersprüche sowie überflüssiger Ballast aussortiert werden. In der Paartherapie z.B. könne damit im „explikativen" Dialog eine Klärung unterschiedlicher Auffassungen von Liebe oder Partnerschaft erzielt werden. In der Therapie von Schuld- und Sühnekonzepten ermögliche die Methode des „normativen" Dialogs eine Abkehr von Bewertungen der eigenen Person, indem die Willkür und Destruktivität von Wertbestimmungen bloßgestellt und ein Entscheidungsprozess eingeleitet wird.
Stavemann hat eine strukturelle Analyse vorgelegt, die zwischen der Disputation irrationaler Überzeugungen, Realitätsprüfung der Wahrnehmung und dem ausgereiften sokratischen Dialog deutlich unterscheidet. Mit Kritik an anderen Autoren geht er dabei nicht sparsam um. Allerdings werden die Dialoge anderer Therapeuten oft an Maßstäben gemessen, die diese gar nicht zu Grunde legen. Das „sokratische" Moment wird eben in der Kognitiven Therapie als etwas unscharfer Arbeitsbegriff verwendet, der zwar auf den antiken Philosophen bezogen aber nicht einszueins aus seinen Dialogen abgeleitet ist. Zudem genügt nicht einmal Sokrates selbst dem in diesem Buch erhobenem Anspruch an Dialogtechnik. Stavemann zititert dazu Autoren, die Sokrates bescheinigen, die nach ihm benannte Technik selbst nicht eben konsequent praktiziert zu haben und schließt sich ihnen an. Ob die Frage „Wer ist der Sokratischte im Land?" therapeutisch relevant ist, bleibt dahingestellt. Jedenfalls schneiden Ellis, Hautzinger, Beck, Walen, Rückert u.a., von denen der Autor Dialogausschnitte als Negativbeispiele vorführt, in Puncto sokratischer Dialogtechnik sehr schlecht ab.
Stavemanns Buch ist ein Mekka für alle, die sich dem sokratischen Dialog einmal historisch und analytisch nähern möchten. Hintergründe der Philosophiegeschichte werden ebenso erläutert wie die Anwendbarkeit der sokratischen Methode bei zeitgemäßen Themen. Die von diesem Autor gewohnten lebensnahen Beispiele und Anleitungen sind für das Erlernen dieser speziellen Dialogtechnik wertvoll und wegweisend. Mit zahlreichen Beispielen aus Beratung und Therapie wird dem Leser didaktisch ansprechend und geschickt eine Handreichung zur Anwendung des „wirklich" sokratischen Dialoges präsentiert.