Leo Sternbach veröffentlichte 1887 in den Wiener Studien eine von ihm in Rom entdeckte griechische Spruchsammlung unter dem Titel "Gnomologium Vaticanum". Sie wurde im 14. Jh. geschrieben und enthält 577 Aussprüche. Dieses Büchlein verdichtet und ordnet diese Sprüche, wobei Doubletten bewusst stehen bleiben. Es sind oft Weitererzählungen, also keine Zitate im klassischen Sinne, sie reflektieren in Teilen mithin die Rezeptionsgeschichte. Diese Sprüche wurden weitergetragen, hin- und zugedichtet, umgeschrieben, neu gefasst. Vor diesem Hintergrund ist es spannend, in diesen Kategorien zu lesen:
Geld und Gut
Bildung und Erziehung
Mensch und Mitmensch
Freund und Feind
Staat und Politik
Alter und Tod
Götter und Schicksal
Frauen und Schönheit
Glück und Unglück
Superlative
Spott
Lehren und Ratschläge
Worte und Reden
Völker und Sitten
Aristipp empfahl, man solle sich daran gewöhnen, von wenigem zu leben, damit man um des Geldes willen nichts Schändliches tue. Aristeides dem Gerechten warf jemand seine Armut vor. Da sagte er: "Meine Armut hat mir nie Verdächtigungen eingetragen, dir dein Reichtum aber viele." Von den Freunden ermahnt, Kinder zu zeugen, erwiderte Alexander: "Ich hinterlasse Taten." Gefragt, wie er so viele Dinge in so kurzer Zeit vollbracht habe, antwortete Alexander: "In dem ich nichts aufgeschoben habe."
Im Lesen wurde mir klar, dass Weisheiten und Ratschläge aus allen Bereichen, wirklich weise Lehren, schon immer identisch waren. "Die Tugend", sagte Antisthenes, "macht wenig Worte, die Schlechtigkeit findet kein Ende." Eine kriegsgefangene Spartanerin sollte als Sklavin verkauft werden. Gefragt, welches Gewerbe sie verstünde, sagte sie: "Frei zu sein." Am Ende des Buches findet man ein Namensverzeichnis sowie eine Konkordanz zur Veröffentlichung von Leo Sternbach.