Eine denkbar schlechte Biographie. Das fängt schon damit an, dass Martin auf den ersten beiden Seiten Übersetzungskritik betreibt statt auf den Menschen Sokrates neugierig zu machen. Vielleicht auf hohem Niveau, das vermag ich nicht zu beurteilen, aber auf jeden Fall völlig uninteressant. Schleiermachers Version der entsprechenden Textstelle lautete: "daß ich der wunderlichste aller Menschen wäre und alle in Verwirrung brächte"; Martin will lieber übersetzen: "Unergründlich bin ich und ich bringe es dahin, daß die Menschen nicht weiter wissen." Yo. Das hat uns weitergebracht. Und das Schönste ist, dass für Martin "unergründlich" die grundlegende Charakterisierung - man beachte bitte das schlechte, implizite Wortspiel. Und er schließt seine Einleitung mit der denkbar schlechtesten Voraussetzung für jede Biographie: "Von diesem Wort her Sokrates verstehen, heißt: ihn als unverstehbar verstehen." Jetzt habe ich noch mehr Lust weiterzulesen.
Auch wenn Martin der Übersetzung Schleiermachers lauthals widerspricht, so zitiert er doch über 3/4 des Buches aus dessen Übersetzungen der Werke Sokrates'. Seitenlang! Nur ein Beispiel. Von Seite 117 - 126 berichtet Martin über "Alkibiades und seine Lobrede im 'Gastmahl'". 2 1/2 Seiten davon sind mit Abbildungen gefüllt. 6 1/2 Seiten lang zitiert er am Stück die Lobrede. 6 1/2! Und das Zitat läutet er mit einer Bankrotterklärung des eigenen Verfahrens ein: "Es ist die glanzvollste Lobrede auf Sokrates, die wir kennen, und ich gebe sie daher noch einmal im ganzen, obwohl ich schon einige kurze Zitate aus ihr herangezogen habe."
Martin selbst stellt im Nachwort fest, wie wichtig es ist, Sokrates in das athenische Leben einzubetten. Vielleicht hätte er das Nachwort schreiben sollen, bevor er das Buch schreibt. Jedenfalls ist von diesem Ansatz nicht viel zu entdecken. Außer, ach ja, man hat das Haus des Schuhmachers entdeckt, zu dem Sokrates gegangen ist.
Die Darstellung der Philosophie findet nur in Zitaten statt. Das Leben des Philosophen wird nur in Zitaten geschildert. Die Anekdoten - man ahnt es, nur Zitate. Die Zitate sind in der Regel nur sehr mangelhaft eingeführt, die Zwischentexte eher bescheiden und ihr Stil extrem "kathedermäßig".
Lieber Rowohlt-Verlag, zu dem Zeitpunkt, da ich diese wenigen Zeilen schreibe, hat Amazon noch vier Bücher auf Lager. Vielleicht wäre es jetzt mal an der Zeit, eine neue Monographie von einem neuen Autor aufzulegen. Ich würd's auch kaufen - denn die alte Ausgabe schenke ich jetzt meinem Postboten.