Sohn der Nacht ist ein schwärmerischer Roman, einer, der versucht über seine Atmosphäre in den Bann zu ziehen. Und genau das gelingt ihm auch. Die oft verspielte, leichtfüßige Sprache, die Beschreibungen des bunten Lebens von Venedig und seiner Architektur, und das des Denkens der Protagonisten: all das lässt einen vergessen, wo man sich in der Realität befindet und zieht einen in seinen Bann.
Doch es ist auch Schwermütigkeit, die diesen Roman zeichnet. Die Handlung ist von Düsternis gezeichnet. Hinter der prunkvollen Kullisse Venedigs werden überall menschliche Abgründe ersichtlich. Der Vampir, der kaltblütig mordet und es nicht mehr schafft, dem kurzen, menschlichen Leben einen Wert zuzuerkennen. Die alte Gouvernante, der aller Glaube an die Liebe ausgetrieben wurde, sodass sie nur noch an das Materialistische glaubt. Der junge Mann, in einer auswegslosen Situation und voller egoistischer Selbstzweifel, weil er einfach nicht mehr weiter weiß. All diese Abgründe geben dem Buch eine Tiefe, die man bei einem Vampirroman kaum vermuten mag.
Doch gleich daneben die witzigen Streitgespräche zwischen Alessio und Francoirs, die Harlekins, die bunten Masken und Kostüme. Ein Roman, der stellenweise kaum gegensätzlicher sein könnte und vielleicht gerade deswegen fesselt.
Alessio ist ein melodramatischer Protagonist, ein sensibler Vampir, der in allem eine Ästhetik zu erkennen vermag. Manchmal ist er mit seiner übertriebenen Art amüsant, andere Male bemitleidenswürdig, doch immer sympathisch.
Besonders hat es mir jedoch Francoirs angetan, mit seiner Weisheit und seinen ständigen Sticheleien. Er ist bissig und unbequem, doch auf eine andere Weise sehr menschlich. Manchmal wünschte ich, Alessio hätte ihm etwas besser zugehört.
Ilaria ist eine Frau, die nach Unabhängigkeit strebt, und noch ihren Lebensweg finden muss. Doch ihr Leben wird durch die Probleme mit ihrem Bruder und ihrer Stiefgroßmutter nicht gerade erleichtert. Sie wirkt sehr natürlich, sehr echt, und man hofft bis zum Schluss, dass sie ihr Glück findet.
Der Vampirismus ist in dem Buch nicht idealisiert dargestellt, und das gefällt. Die Autorin verbindet die mystische Ausstrahlung des Vampirs mit seinen Schattenseiten: dem unbändigen Blutdurst, dem Morden, all den wenig eleganten Seiten ihres Daseins. Hier sind keine glitzernden Tierbluttrinker zu finden, sondern echte Geschöpfe der Dunkelheit, menschlich und dämonisch gleichzeitig.
Alles in allem eine schöne Lektüre, die ich sehr genossen habe. Ein Buch, das man am besten mit Muße liest, nicht in der U-Bahn, wo man in die Handlung nicht eintauchen kann. Das Überformat empfand ich als angenehm, nach einer gewissen Gewöhnungsphase gefiel es mir sogar besser als das normale Taschenbuchformat.