betrachtet erscheint das 20. Jahrhundert als wild romantisches Zeitalter. Ein Mann geht nach Russland (anno 1942) und lässt bei Stalingrad seinen rechten Arm zurück. Ein anderer Mann geht nach Russland (anno 1986), um eventuell diesen Arm, der einmal seinem Vater gehört hat, aufzulesen und lässt stattdessen sein Herz in Leningrad zurück.
Es vergehen 20 Jahre. Leningrad gibt es nicht mehr. Genauso wenig wie Stalingrad. Nur das zurückgelassene Herz lebt, und schmerzt, und will geheilt werden.
Erzählt wird diese internationale Liebesgeschichte von der Frau, in die sich der deutsche Student Andreas 1986 unvorsichtig verliebt hat. Aus der kühnen siebzehnjährigen Germanistikstudentin von damals ist eine verträumte Germanistikprofessorin geworden. Ihre Welt besteht zu 80 % aus Literatur, und die restlichen 20 % sind ihrer Jugendliebe Andreas vorbehalten. Sie sinniert sehr viel über die Vergangenheit nach: ihre eigene wie die Russlands, was für eine Frau in ihrem Alter als ein wenig früh erscheint. Außerdem hat sie eine große Affinität zu den Vögeln. So gut wie jeden Menschen in ihrer Umgebung ordnet sie einer bestimmten Vogelart zu. Das ist meistens präzise beobachtet und mit den Zitaten aus der Weltliteratur hübsch unterlegt.
Im Sommer 2006 kommt sie zu einem Kurzbesuch nach Deutschland. Aber nicht um Fußball zu gucken, auf gar keinen Fall, sondern um an einer höchstwissenschaftlichen Literaturtagung teilzunehmen. Die alte Liebesgeschichte bekommt eine (glückliche) Fortsetzung. Ob das empfindliche Herz von Andreas dies verkraften wird?
Der Roman ist in kurze Kapitelchen untergeteilt, konsumentenfreundliche Lesehäppchen. Die Sprache ist meist poetisch und, wie bereits erwähnt, reich an Zitaten. Manchmal ist es zuviel des Guten. Die ganze Linie der OBERIUten (eine eher unscheinbare Lyrikrichtung in der russischen Avantgarde) erscheint z. B. überflüssig. Ein Nebenheld, ein vom sowjetischen Regime verfolgter Dichter, der in den Demokratiezeiten aufhört, Dichter und schwul zu sein, ist ebenfalls ein verzichtbares Beiwerk.
Das Ganze erscheint außerdem viel zu artifiziell, was jedoch an der leicht lebensfernen Erzählerin liegen mag. Am Ende des Romans lässt die Heldin jedoch durchblicken, dass das Meiste an ihrem literarisch-esoterischen Selbstbild nur Maske ist, um innere Unsicherheit und Angst vor der Liebe und damit dem realen Leben zu verbergen.
Das Buch ist für alle Akademikerinnen, sensiblen Frauen, Russlandsinteressierten und Slavistikstudenten empfehlenswert.