IT-Systeme werden immer komplexer, während sich gleichzeitig die Entwicklungszeiten verkürzen. Es scheint, als ob diese Geschwindigkeit mit einer erhöhten Fehlerquote erkauft wird. Die Gründe für das Scheitern von Entwicklungsprojekten sind vielfältig (z.B. unklare Zielsetzung/Anforderungen, unzulängliche Qualitätssicherung, mangelnde Beteiligung der Anwender) und zeigen, dass neben der Anwendungsentwicklung auch ein wirksames Software-Management notwendig ist. Fachliches und technisches Know-how reichen nicht aus, um ein Projekt zum Erfolg zu führen. Software-Management schafft das Gleichgewicht zwischen Mitarbeitern, Managern, Softwareprozessen und dem Softwareprodukt. In der Praxis zeigt sich, dass Software-Qualitätsmanagement (als Teil des Software-Managements) häufig erst in der Testphase beginnt und nicht schon bei der Analyse/den Anforderungen ansetzt. Dabei ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass von Anfang an Vorgehensmodelle, Standards und Richtlinien definiert sind, die über den gesamten Entwicklungsprozess gleich bleibend hohe Qualität garantieren. Auf diese Weise wird vermieden, dass sich Einzelfehler summieren und im schlimmsten Fall ein unbrauchbares Produkt zur Folge haben.
Genau zu diesem Punkt liefert Ernest Wallmüller mit "Software Quality Engineering - Ein Leitfaden für bessere Software-Qualität" ein fundiertes Nachschlagewerk ab. Dieses Buch ist die nunmehr 3. aktualisierte Auflage seines Bestsellers von 1990 und vermittelt auf über 400 Seiten alle wesentlichen Inhalte zum "Software-Qualitätsmanagement". Basis dieser überarbeiteten Neuauflage sind die standardisierten, internationalen Richtlinien (BoK = "Body of Knowledge) der ASQ (American Society on Quality) und JSQC (Japanese Society for Quality Control). Auf das Grundlagenkapitel folgt ein Rundumschlag zu allen relevanten Themen, angefangen vom organisatorischen Qualitätsmanagement (ISO 900x, CMMI ...) über Qualitätsmanagement auf Projektebene, Messung & Analyse (GQM, ISO-Normen, SPICE ...) bis hin zur Verifikation & Validation (statisches Prüfen, dynamisches und agiles Testen). Mit einem Ausblick zukünftiger Trends schließt das Buch ab.
Mit dem Kauf des Buches erhält man einen individuellen Code, mit dem man sich das zugehörige eBook als PDF-Datei herunterladen kann. Gerade bei der Nutzung als Nachschlagewerk ist eine Datei natürlich hilfreich, da man bequem Passagen oder Schlagworte suchen kann. Ich würde mir wünschen, dass dies - neben dem Hanser Verlag - zukünftig auch andere Verlage anbieten.
Auch die Neuauflage von Ernest Wallmüllers "Software Quality Engineering" ist für mich weiterhin das führende Nachschlagewerk zum Software-Qualitätsmanagement. Der Untertitel "Ein Leitfaden für bessere Software-Qualität" ist aus meiner Sicht aber etwas irreführend, da ein Leitfaden den Leser Schritt für Schritt in das Thema einführen sollte. Gerade dies macht das Buch aber nicht, sondern vermittelt in sehr klarer Sprache die theoretischen Grundlagen. Die konkrete Umsetzung in die Praxis wird meines Erachtens etwas vernachlässigt (z.B. Wie sieht ein Testkonzept aus? Wie muss ein Testplan aufgebaut sein? Wie müssen Anforderungen definiert sein, damit man sie testen kann?). Hierzu verweist der Autor zwar auf seine Webseite, auf der einige Checklisten zu finden sind, diese helfen aber in der Praxis nicht weiter. Zur optischen Strukturierung des umfangreichen theoretischen Inhalts wäre eine zweite Farbe hilfreich gewesen, wie es bei vielen Fachbüchern mittlerweile üblich ist. Wegen des mangelnden Praxisbezugs und dem verbesserungswürdigen Layout würde ich eigentlich einen Stern abziehen, das kostenlose eBook kompensiert aus meiner Sicht diesen Mangel aber wieder.
Zielgruppen des Buches sind für mich Projekt- und Testleiter sowie externe Berater. Für Manager geht dieses Buch zu sehr ins Detail und Programmierer/Tester schreckt i.d.R. die umfangreiche Theorievermittlung zu sehr ab.
Als Ergänzung zum Wallmüller empfehle ich übrigens das Buch
Requirements-Engineering und -Management: Professionelle, iterative Anforderungsanalyse für die Praxis von Chris Rupp, in dem das so wichtige Thema "Anforderungsmanagement" sehr praxisnah beschrieben wird. Denn nur bei vollständigen, korrekten, verständlichen und vor allem nachweisbaren (testbaren) Anforderungen kann das Software-Qualitätsmanagement wirkungsvoll greifen.