Es ist ein weit verbreitetes und dennoch tief beschämendes menschliches Verhalten, dem Opfer einer Gewalttat zumindest eine Mitschuld an dem Verbrechen zu geben. Dahinter steht der psychologische Abwehrmechanismus, sich selber nicht in der Opferrolle zu sehen, sich einzubilden, einem selbst würde etwas so Schreckliches niemals passieren.
Dieses Phänomen kann man bei der Aufarbeitung und dem Begreifen des Holocaust häufig beobachten. Eine typische Aussage wäre beispielsweise, dass die Juden sich nicht gegen ihre Ermordung gewehrt hätten. Oder dass Zeitzeugen passiv blieben und bewusst weg geschaut hätten. Das ist eine anmaßende, ignorante Haltung, die deutlich zeigt, dass derjenige, der sie trifft, nichts von dem verstanden hat, was den Holocaust ausmacht.
Auf dieser DVD befinden sich zwei Interviews, die die Gegenwehr gegen die Ermordung und das Begreifen der Massenvernichtung zum Inhalt haben.
Ein Gespräch führt Claude Lanzmann mit Yehuda Lerner, der am Aufstand von Sobibor aktiv beteiligt gewesen war. Am 14. Oktober 1943 um 16.00 begann der Kampf gegen das Wachpersonal (33 SS-Soldaten und 500 Ukrainer), der mit der erfolgreichen Flucht von zahlreichen Häftlingen endete. (Gegenwärtig wird der Prozess gegen einen dieser Ukrainer geführt, John Iwan Demjanjuk).
Wenn man der Erzählung von Yehuda Lerner folgt, wird klar, wie viele Umstände zusammen kommen mussten, damit dieser Aufstand erst möglich wurde. Und warum die Gegebenheiten eine nahezu einzigartige Kombination darstellen. Nicht zuletzt Glück und die vom Fließbandmorden erlahmte Aufmerksamkeit der Wachleute spielten eine zentrale Rolle.
Das andere Gespräch führt Claude Lanzmann mit Maurice Rossel, der sich in seiner Eigenschaft als Abgesandter des Internationalen Roten Kreuzes einen inoffiziellen Zugang zu Auschwitz verschaffte und dort mit dem Kommandeur sprach. Später wurde er dann zu einem offiziellen Besuch nach Theresienstadt eingeladen, dem Vorzeige-Ghetto der Nazis nördlich von Prag. In seinen Berichten von damals schrieb er, dass er keine Beweise für die kursierenden Gerüchte über die Massenvernichtung gefunden habe.
Die Nazi-Henker (Mitglieder der SS aber auch andere Individuen) waren Meister der Lüge und der Täuschung. In Theresienstadt bauten sie bis ins letzte Detail eine Fassade auf und ließen geeignete Bewohner des Ghettos (gesundes Äußeres, aber bis ins Mark tief sitzende Todesangst) Rossel das Theaterstück des "guten" Ghettos vorspielen. Wobei in Wahrheit die Lebensbedingungen in Theresienstadt zu der Zeit genauso furchtbar waren wie in Auschwitz.
Maurice Rossel hatte Erfahrung mit Insassen von Kriegsgefangenenlager. Er war es gewöhnt, dass sie ihm heimlich Zeichen gaben, um ihm etwas mitzuteilen. Er etwas für sie dann tun konnte. Weil jede Kriegspartei Gefangene gemacht hatte und damit ein Druckmittel gegen die Misshandlung der eigenen Leute existierte. Zudem gab es internationale Abkommen, die alle Kriegsparteien unterzeichnet hatten.
Bei den zivilen Gefangenen in Theresienstadt gab es dies nicht. Die Bewohner waren überwiegend ältere Männer und Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten, die zu prominent im Deutschen Reich gewesen waren, als dass sie wie die anderen Juden sofort spurlos aus der Welt verschwinden konnten. Es musste vermieden werden, dass der "Umsiedlung" zu viel Aufmerksamkeit erteilt wurde.
Gegenwehr? Man stelle sich die eigene Großmutter vor, ihrer gewohnten Umgebung beraubt, hungrig, krank, eingepfercht in einem Haus mit zahllosen Leidesgenossen. Ohne finanzielle Mittel und ohne ein Ziel, wo sie sich verstecken könnte. Wie würde sie ihre Flucht planen, die Wachen austricksen oder diese überwältigen? Meine Oma bestimmt nicht.
In Sobibor gab es im Oktober 1943 eine zum kämpfen ausgebildete Truppe jüdischer Soldaten der Roten Armee. Sie hatte die Ausbildung und es existierte eine Gruppenstruktur, die Männer kannten einander gut. Sie planten sorgfältig, setzten den Plan ohne zu zögern um und hatten auch sehr viel Glück.
Die Nazis, allen voran Himmler, verwendeten viel Planung und Energie darauf, die Massenvernichtung an den Juden geheim zu halten. Die Todeslager waren in Polen in nahezu unbewohnten Gegenden aufgebaut worden. Die ankommenden Juden wurden sofort ermordet, möglichst ohne die nichtsahnenden Wartenden zu alarmieren (in Sobibor wurden Gänse aufgescheucht, die die Todesschreie übertönten). Die Sonderkommandos wurden regelmäßig ausgetauscht (vergast), Versetzungsgesuche von SS-Wachpersonal wurden abgelehnt. Die Opfer wurden zu Asche verbrannt, und jene, die noch zu Beginn der Massenmorde in der Erde vergraben worden waren, wurden später exhumiert und verbrannt, um keine Spuren der Taten zu hinterlassen.
Die Henker erfanden ein eigenes Vokabular für die Vorgänge, wie 'Sonderbehandlung' und es gibt keine schriftlichen Befehle von Hitler zum Holocaust. Für die Übermittlung seiner Wünsche diente unter anderem die berühmte Wannsee-Konferenz.
Claude Lanzmann waren diese beiden Aspekte (Gegenwehr und Begreifen) des Holocaust so wichtig, dass er die Interviews nicht mit bei dem Material zu "Shoah" veröffentlichte. Er fürchtete, dass sie unter der Wucht der Informationen verloren gehen könnten.
Wie auch schon bei "Shoah" bewirken "Sobibor" und "Ein Lebender geht vorbei" ein heftiges emotionales Echo, an dem man lange Zeit arbeiten muss. Lanzmanns Fragetechnik bewirkt nicht nur ein Wieder-Erleben bei dem Befragten, sondern zieht auch die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf bestimmte Details, aus denen der Zuschauer dann selber seine Schlüsse ziehen muss.
Es sind essenzielle Werke, nicht nur für das Begreifen des Holocausts, sondern der menschlichen Natur.