Pressestimmen
13.05.2005 / SWR: So viele Bücher "Ein amüsantes Buch rund um Bücher."
16.06.2005 / Rheinischer Merkur: Lesekost für Genießer "Ein kleines geist- und gehaltvolles Werk."
15.08.2005 / Berliner Zeitung: Aufbaukost für Buchliebhaber "Eine Liebeserklärung an die Literatur und eine beflügelnde Lektüre für jeden Leser."
Kurzbeschreibung
Alle 30 Sekunden wird auf der Welt ein Buch veröffentlicht. Obwohl das Medium Buch in seiner Geschichte schon einige Male totgesagt wurde, steigt die Anzahl der Neuerscheinungen pro Jahr schneller als die menschliche Geburtenrate. Und wir können kaum Schritt halten. Gabriel Zaid ertappt uns dabei, wie wir ungelesene Bücher horten, weil es gar nicht mehr anders geht, und schildert mit viel Witz und Charme Wissenswertes und Kurioses aus der wundersamen Welt der Bücher.
Über den Autor
Gabriel Zaid, geboren 1934, ist Dichter und Essayist aus Nueva León, Mexiko. Er studierte Ingenieurwesen und schloss mit einer Arbeit über die Buchproduktion ab. Lange Jahre war er Mitglied der Mexikanischen Akademie der Sprache. In Mexiko gilt Zaid heute als Klassiker, für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
VORREDE An den unverbesserlichen Leser Die Anzahl der gelesenen Bücher nimmt linear zu, die der veröffentlichten dagegen exponentiell. Wenn sich unsere Leidenschaft für das Schreiben und Veröffentlichen von Büchern ungebremst so weiter entwickelt, dann gibt es bald mehr Autoren als Leser. Mitte des 15. Jahrhunderts, kurz nach der Erfindung des Buchdrucks, erschienen jedes Jahr ein paar Hundert Titel in Auflagen von wenigen Hundert Exemplaren. Obwohl auch einige zeitgenössische Schriften verlegt wurden, handelte es sich bei den ersten gedruckten Büchern meistens um altehrwürdige Texte wie etwa die Bibel, die Klassiker des griechischen und römischen Altertums und die Schriften der Kirchenväter beziehungsweise um Auslegungen und Kommentare dieser Texte. Mag sein, dass wir deshalb bis heute glauben, dass uns durch eine Buchveröffentlichung eine besondere Weihe oder gar die Unsterblichkeit zuteil wird. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden dank dieses Schreibfurors jährlich gut eine Million Titel auf den Markt geworfen, mit Auflagen, die jeweils in die Tausende gehen. Doch kaum eines dieser Bücher wird je nachgedruckt, noch weniger werden in andere Sprachen übersetzt. Viele Autoren schreiben nicht für ihre Leser, sondern um ihren Lebenslauf aufzupolieren. Demgegenüber stehen die professionellen Autoren, die ihren Lebensunterhalt mit der Bildung, Information oder Unterhaltung ihrer Leser verdienen. Bücher, die uns das ganze Leben hindurch begleiten, bleiben die Ausnahme. Oft sind es gerade die alten Bücher, die Klassiker, oder aber zeitgenössische Bücher, die in deren Tradition stehen, die es wert sind, immer wieder zur Hand genommen und gelesen zu werden. Diese klassische Tradition erweist sich als überraschend robust: Über die Jahrtausende hinweg hat sie sich immer wieder gerade mit Hilfe derjenigen technischen Revolutionen verjüngt, von denen es hieß, sie würden ihre Existenz bedrohen. Sokrates, der ganz am Anfang dieser Tradition steht, lehnte das Buch ab, weil er glaubte, es wäre dem gesprochenen Wort unterlegen. Als die Druckerpresse erfunden wurde, weigerte sich manch unverbesserlicher Leser, maschinell gefertigte Bücher in seine Bibliothek zu stellen und beschäftigte statt dessen Schreiberlinge, um die Druckwerke wieder abzuschreiben. Als das Fernsehen seinen Siegeszug durch die Haushalte rings um den Planeten antrat, wurde der Tod des Buches verkündet – ein Kassandraruf, der sich bei der Erfindung der CD-ROM und des E-Book wiederholte, der sich aber bis heute nicht bewahrheitet hat. Als der Markt sich auf einige wenige Bestseller, Buchhandelsketten, Internetbuchhandlungen und Konzernverlage zu konzentrieren drohte, wurde die Furcht laut, jetzt sei die Vielfalt gefährdet. Doch die Bestseller-Kultur bedeutet nicht, dass sämtliche Bücher, die keine Bestseller werden, verschwinden müssen – es heißt lediglich, dass diese anderen Bücher im Verborgenen bleiben, und das auch nur vergleichsweise. Durch neue Technologien wie das Internet oder Printing-on-Demand kommen eher noch mehr Titel zu den vielen Millionen bereits erhältlichen hinzu. Und der Sokratische Dialog lebt ebenfalls fort, auch wenn wir in den Abendnachrichten des Fernsehens niemals die Meldung hören werden: »Gestern las eine Studentin die Apologie des Sokrates und fühlte sich frei.« Wer dieses ansteckende Gefühl von Freiheit und Beglückung erlebt, die das Lesen entzündet, der möchte es nie mehr missen. Die Stärke der Tradition besteht gerade darin, dass sie dieses Gefühl immer wieder entfacht, egal durch welche technischen Umwälzungen sie geht oder in welches Medium sie übersetzt wird. Lesen befreit den Leser oder die Leserin und erlaubt ihm oder ihr, durch das Buch hindurch sich selbst und das ganze Leben zu lesen und zu verstehen. Bücher geben ihren Lesern die Möglichkeit und die Fähigkeit, an gesellschaftlichen Diskussionen teilzunehmen oder diese gar anzustoßen, sei es als Eltern, Lehrer, Freunde, Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker, Verleger, Buchhändler, Bibliothekare oder Veranstalter. Jeder Leser ist einzigartig. Diese Einzigartigkeit lässt sich nirgends besser ablesen als in den Besonderheiten und Sonderbarkeiten seiner privaten Bibliothek, die so etwas ist wie das intellektuelle Genom eines jeden Lesers. Je größer die Vielzahl und Vielfalt der Veröffentlichungen, desto einzigartiger die Menschen, die sie lesen. Der Sokratische Dialog lebt fort, ohne sich um die Auswüchse von Schreibfuror und Kommerz zu kümmern.
Auszug aus So viele Bücher von Gabriel Zaid. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
VORREDE
An den unverbesserlichen Leser
Die Anzahl der gelesenen Bücher nimmt linear zu, die der veröffentlichten dagegen exponentiell. Wenn sich unsere Leidenschaft für das Schreiben und Veröffentlichen von Büchern ungebremst so weiter entwickelt, dann gibt es bald mehr Autoren als Leser.
Mitte des 15. Jahrhunderts, kurz nach der Erfindung des Buchdrucks, erschienen jedes Jahr ein paar Hundert Titel in Auflagen von wenigen Hundert Exemplaren. Obwohl auch einige zeitgenössische Schriften verlegt wurden, handelte es sich bei den ersten gedruckten Büchern meistens um altehrwürdige Texte wie etwa die Bibel, die Klassiker des griechischen und römischen Altertums und die Schriften der Kirchenväter beziehungsweise um Auslegungen und Kommentare dieser Texte. Mag sein, dass wir deshalb bis heute glauben, dass uns durch eine Buchveröffentlichung eine besondere Weihe oder gar die Unsterblichkeit zuteil wird. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden dank dieses Schreibfurors jährlich gut eine Million Titel auf den Markt geworfen, mit Auflagen, die jeweils in die Tausende gehen.
Doch kaum eines dieser Bücher wird je nachgedruckt, noch weniger werden in andere Sprachen übersetzt. Viele Autoren schreiben nicht für ihre Leser, sondern um ihren Lebenslauf aufzupolieren. Demgegenüber stehen die professionellen Autoren, die ihren Lebensunterhalt mit der Bildung, Information oder Unterhaltung ihrer Leser verdienen.
Bücher, die uns das ganze Leben hindurch begleiten, bleiben die Ausnahme. Oft sind es gerade die alten Bücher, die Klassiker, oder aber zeitgenössische Bücher, die in deren Tradition stehen, die es wert sind, immer wieder zur Hand genommen und gelesen zu werden.
Diese klassische Tradition erweist sich als überraschend robust: Über die Jahrtausende hinweg hat sie sich immer wieder gerade mit Hilfe derjenigen technischen Revolutionen verjüngt, von denen es hieß, sie würden ihre Existenz bedrohen.
Sokrates, der ganz am Anfang dieser Tradition steht, lehnte das Buch ab, weil er glaubte, es wäre dem gesprochenen Wort unterlegen. Als die Druckerpresse erfunden wurde, weigerte sich manch unverbesserlicher Leser, maschinell gefertigte Bücher in seine Bibliothek zu stellen und beschäftigte statt dessen Schreiberlinge, um die Druckwerke wieder abzuschreiben. Als das Fernsehen seinen Siegeszug durch die Haushalte rings um den Planeten antrat, wurde der Tod des Buches verkündet ein Kassandraruf, der sich bei der Erfindung der CD-ROM und des E-Book wiederholte, der sich aber bis heute nicht bewahrheitet hat. Als der Markt sich auf einige wenige Bestseller, Buchhandelsketten, Internetbuchhandlungen und Konzernverlage zu konzentrieren drohte, wurde die Furcht laut, jetzt sei die Vielfalt gefährdet. Doch die Bestseller-Kultur bedeutet nicht, dass sämtliche Bücher, die keine Bestseller werden, verschwinden müssen es heißt lediglich, dass diese anderen Bücher im Verborgenen bleiben, und das auch nur vergleichsweise. Durch neue Technologien wie das Internet oder Printing-on-Demand kommen eher noch mehr Titel zu den vielen Millionen bereits erhältlichen hinzu. Und der Sokratische Dialog lebt ebenfalls fort, auch wenn wir in den Abendnachrichten des Fernsehens niemals die Meldung hören werden: »Gestern las eine Studentin die Apologie des Sokrates und fühlte sich frei.« Wer dieses ansteckende Gefühl von Freiheit und Beglückung erlebt, die das Lesen entzündet, der möchte es nie mehr missen. Die Stärke der Tradition besteht gerade darin, dass sie dieses Gefühl immer wieder entfacht, egal durch welche technischen Umwälzungen sie geht oder in welches Medium sie übersetzt wird. Lesen befreit den Leser oder die Leserin und erlaubt ihm oder ihr, durch das Buch hindurch sich selbst und das ganze Leben zu lesen und zu verstehen. Bücher geben ihren Lesern die Möglichkeit und die Fähigkeit, an gesellschaftlichen Diskussionen teilzunehmen oder diese gar anzustoßen!
, sei es als Eltern, Lehrer, Freunde, Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker, Verleger, Buchhändler, Bibliothekare oder Veranstalter.
Jeder Leser ist einzigartig. Diese Einzigartigkeit lässt sich nirgends besser ablesen als in den Besonderheiten und Sonderbarkeiten seiner privaten Bibliothek, die so etwas ist wie das intellektuelle Genom eines jeden Lesers. Je größer die Vielzahl und Vielfalt der Veröffentlichungen, desto einzigartiger die Menschen, die sie lesen. Der Sokratische Dialog lebt fort, ohne sich um die Auswüchse von Schreibfuror und Kommerz zu kümmern.