"Du weißt, dass du älter wirst, wenn das Einzige, das noch hochkommt, Erinnerungen sind" (259). Konni, Thomas, Rainer und Bulle sind vier Mittvierziger, die sich seit Schulzeiten kennen und im Jahre 2007 außer einem langweiligen Leben und einer monatlichen Doppelkopfrunde nicht mehr viel gemeinsam haben. Konni ist Lehrer, dessen Schüler es nicht einmal mehr merken würden, "wenn er statt über Fruchtfliegen über Fernmeldesatelliten" (127) redet. Thomas war mal ein ambitionierter Schriftsteller, der heute sein Geld mit Textunterschriften für Pornobilder verdient. Der Steuerfahnder Rainer ist mit einer frustrierten Frau voller Neurosen verheiratet, die ohne Pillen nicht mehr funktionieren kann, leidet selbst unter Schlaflosigkeit und hat seit neuestem Blut in seinen Verdauungsresten. Bulle, schließlich, ist Onkologe, dessen Frau an Krebs gestorben ist, was ihm seine Schwiegermutter seitdem ankreidet. Doch da ist ja auch noch dieser Traum, den sie alle seit Jahren haben: Eine gemeinsame Band in der Tradition von Deep Purple und Led Zeppelin. Doch für eine richtige Band braucht man ja fünf Leute und Ole, der fünfte Mann, lebt seit Jahren in Berlin, wo er versucht, den Schatten seiner Bochumer Vergangenheit zu entkommen. Also machen sich die vier auf in die Hauptstadt, um Ole zurück in den Pott zu holen. Wenig später erblickt "Mountain of Thunder" das Licht der Welt.
Nach "Liegen lernen", "Pokorny lacht" und "Pink Moon" ist "So viel Zeit" der mittlerweile vierte Roman von Frank Goosen. Und dem gebürtigen Bochumer gelingt es, das hohe Niveau von "Pink Moon" noch einmal zu steigern. Goosens Stärke liegt in der Charakterisierung seiner Figuren, die neben Witz und ironischer Distanz auch Trauer und Gebrochenheit ohne Kitsch und Mitleidsgedöns überzeugend zum Ausdruck bringt. Auch sonst gelingt dem Autor die passende Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit. Zu den humoristischen Höhepunkten des Romans zählt die Passage, in der sich der schlaflose Rainer fassungslos mit einer dieser unsäglichen Telefonquizshows konfrontiert sieht: "Vorher hatte er eine schmale Rothaarige mit viel zu großen Brüsten gesehen, die den Zuschauer angebrüllt hatte, gefälligst anzurufen, um ein Anagram aufzulösen, hinter dem sich eine deutsche Großstadt verberge. MENCHÜM hatte da gestanden und angeblich rief niemand an. Später hatte die Frau angedroht, sich mit Hautlotion einzucremen, und, wahrscheinlich weil immer noch niemand durchgestellt wurde, diese Androhung kurz darauf wahr gemacht" (205).
Kernpunkt des Romans ist die Band sowie das dunkle Geheimnis aus Oles Vergangenheit, weswegen er vor 25 Jahren aus Bochum geflüchtet ist und welches bis zum Ende von "So viel Zeit" immer nur angedeutet wird. Die Thematik der Macht der Vergangenheit, beziehungsweise die Erinnerung an diese, durchzieht den gesamten Roman. Alle Hauptfiguren haben ihre Leichen im Keller und trauern verpassten Chance und nicht realisierten Träumen nach. Die Gründung der Band erscheint als der Versuch, diese Erinnerungen in den Griff zu bekommen, zu verarbeiten, um somit die eigene Zukunft lebenswert gestalten zu können. Die quasi heilende Wirkung der Instrumente kommt in folgender zentralen Textstelle am passendsten zum Ausdruck: "In jedem Riff und jedem Beckenschlag schwang nicht nur Erinnerung an die energiegeladenen Tage und Nächte des eigenen Teenagerdaseins mit, sondern auch alles, was seitdem geschehen war, Heirat, Krankheit, Vater- und Mutterschaft, Tod und Scheidung und die Gewissheit, dass man immer noch Kontakt aufnehmen konnte zu seinem früheren Ich" (267).
Fazit: Goosen wird des Öfteren mit Nick Hornby verglichen. Und tatsächlich zeigen die Romane der beiden Autoren Ähnlichkeiten in Thematik (Älterwerden, Erinnerungen) sowie der vergleichbaren humoristisch-nachdenklichen erzählerischen Grundstimmung. Mit "So viel Zeit" ist Goosen ein richtig guter Roman mit hohem Unterhaltungswert und Anspruch gelungen. Wenn er das Niveau halten kann, wird auch der nächste Roman des Bochumers ein absolutes Lesevergnügen werden.