Wie oft mag Paris schon als Filmkulisse gedient und so selbst schlechten Filmen wenigstens einen Hauch von Mittelmaß verliehen haben?
Nun, dieser Episoden-Film zeigt wunderbare Parisimpressionen - der Bildschirm kann gar nicht groß genug dafür sein - aber Mittelmaß ist er nicht. Er führt uns ins Paris abseits des Weltstadtglamours, in das Leben der Leute, die man seltsamerweise die "Normalbürger" nennt, und lässt uns für eine kleine Weile an ihren Leben, die mehr oder weniger aufeinanderprallen, teilhaben.
Getragen wird der Film von der zauberhaften, ausdruckstarken Juliette Binoche. Elise ist Sozialarbeiterin und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Den Verlust ihrer Illusionen ersetzt das Leben mit fatalistisch-melancholischer Zerbrechlichkeit; Firnis für darunter verborgenem Stahl. Ihr Bruder Pierre (Romain Duris), ein professioneller Tänzer, wartet auf ein Spenderherz und lenkt sich durch das Beobachten des Lebens anderer Menschen ab. Die lebensbedrohliche Situation bringt die beiden Geschwister wieder näher. Elise zieht trotz eigener Probleme mit den Kindern zu ihm, um Stütze zu sein.
Dem feinsinnigen Professor Roland (Fabrice Luchini) rinnt das Leben durch die Finger. Er leidet unter seiner Einsamkeit. All sein Wissen und wissenschaftlicher Erfolg kann sie nicht überdecken. Nicht mehr. Zumal sein jüngerer, bourgeoiser Architekten-Bruder Philippe mit einer noch jüngeren Frau verheiratet ist und Vaterfreuden entgegensieht. Doch auch dieser wird von Albträumen heimgesucht. Als die schöne, lebenshungrige Studentin Laetitia (Mélanie Laurent) beiläufig auf seine blödsinnigen, tollpatschigen Avancen eingeht, gerät der ältliche Professor in einen Strudel von Gefühlen, denen er nicht gewachsen ist.
Die Gefühle des Mannes, der auf dem afrikanischen Kontinent Leib und Leben riskiert, um ins gelobte Land zu kommen, sind von Angst geprägt. Wir ahnen es, auch im schillernden Paris, in der Parallelwelt der Illegalität, wird sie nicht nachlassen. Derweil sucht eine hochnäsige Bäckerin mit veritablen Vorurteilen eine Verkäuferin - und findet sie in einem arabischen Mädchen, das sich wiederum für Pierre interessiert. Und da sind noch die Händler vom Großmarkt Rungis um Jean, Mourad und Franky. Wird die stets in Eile einkaufende Elise die zarten Avancen von Jean irgendwann wahrnehmen? Das Leben kann schnell vorbeisein, die kurze Episode mit der resoluten, zupackenden Gemüseverkäuferin führt uns das drastisch vor Augen.
Elegant nachlässig, ähnlich dem beiläufigen Spiel der weltläufigen Pariserin mit ihrem Chiffonschal, zelebriert der Regisseur Cédric Klapisch mit "So ist Paris" sein Spiel mit Protagonisten, Schauplätzen und Ereignissen. Er lässt Großstadtmenschen aufeinanderprallen oder achtlos aneinander vorbeigehen. "So ist das Leben" scheint er uns zuzurufen, "irgendwie werden wir es schon bewältigen, dieses schöne, verflixte, erbärmliche und kostbare Sein." Und ganz nebenbei setzt auch er, wie schon so viele Regisseure vor ihm, Paris ein liebevolles, filmisches Denkmal. Ein wunderbarer Film über die Brüchigkeit des Lebens, aber auch ein Hoch auf das Leben, die Hoffnung, die Liebe.
Helga Kurz
2. November 2008