"Schock! Duran trennen sich in zwei Bands!" stand Mitte 1985 auf der Bravo, was mich als damals 10jährigen ziemlich mitnahm. The Power Station waren schon am Plattenverkaufen, der Rest von Duran Duran hieß noch "Taylor Rhodes LeBon" und werkelte in Paris an einem geheimnisvollen Projekt. Zwischendurch gab's James Bond, Live Aid und einen Segelunfall. Ein halbes Jahr später saß ich am Heiligen Abend im Wohnzimmer, bastelte am Plastikmodellbausatz eines Cermedes 190E herum und hörte zum ersten Mal via MusiCassette Arcadias "So Red The Rose". Ich war beeindruckt. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich von Duran Duran "Rio" auf MC, "Arena" auf LP und ne Menge Poster an der Wand.
Wenig später bemerkte ich, dass MCs Schrott sind, kaufte mir irgendwann die LP, und dann dauerte es Jahre, bis ich auf die Anfang der 90er nachgeschobene CD-Veröffentlichung stieß. Die eigentliche Warterei zog sich dann allerdings durch das letzte Jahrzehnt, denn eine ordentliche Wiederveröffentlichung mit den Single-Versionen und Maxi-Remixen auf CD hielt ich für bitter nötig (das unoffizielle Bootleg "Heaven's Eyes" war mir nie vollständig genug). Jetzt ist diese da - und ich bin wieder beeindruckt.
CD1 enthält das Album, das, ich verweise auf die anderen Rezensionen, als "Meilenstein" im Mitt-80er-Pop bezeichnet werden kann. So wenig mich nach wie vor Durans drittes Album von 1983 anspricht (zu hohl, zu flach, zu bemüht), so sehr bin ich hiervon angetan, denn Arcadia schafften mit demselben Produzenten, aber weitgehend frei von den Zwängen der Teeniesensation Duran Duran eine musikalische Wunderwelt. Einen wichtigen Beitrag leisteten dazu sicherlich Gäste wie David Gilmour, Mark Egan, Grace Jones, Sting, Herbie Hancock, Carlos Alomar, Andy Mackay, David Van Tieghem oder Masami Tsuchiya, die das Klangspektrum von 3/5 bzw. 2/5 Duran Duran (Roger Taylor war irgendwann vor Fertigstellung des Albums raus) enorm erweiterten. Neben astreinen Pop-Singles wie dem treibenden "Election Day" oder "The Flame" finden sich eisige ("Lady Ice") bis exotische Soundcollagen ("El Diablo") mit einer Spielzeit von mitunter mehr als 7 Minuten. Nick Rhodes hatte den Fairlight-Synthesizer entdeckt. Die Songtexte sind early-Duran-obskur, werden aber auch konkreter ("Goodbye Is Forever" - Bravo-Leser von damals könnten sich erinnern, um welche junge Frau es ging), bisweilen sogar im weitesten Sinne politisch ("The Promise"). Das ist eine von Anfang bis Ende großartige Mischung, die auch 25 Jahre später noch funktioniert, sofern man nicht Protestsongs und Hardrock erwartet.
Im Anschluss an das Album werden die Single-Abmischungen aufgereiht, wobei die letzte Arcadia-Single "Say The Word" den Anfang macht, die im Sommer 1986 aus dem Soundtrack zu "Playing For Keeps" allein in den USA ausgekoppelt wurde und sich meines Erachtens nur wie eine ungehobelte Demoversion eines Songs anhört, dessen Potential nicht ausgeschöpft wurde. "Election Day" und "The Promise" sind beschnittene Albumversionen, "Goodye Is Forever" wurde dezent bearbeitet ("...and ever and ever and ever and ever..."), und bei "The Flame" durfte Nile Rodgers nochmal Hand anlegen, der schon "The Reflex" zum nervtötenden Singlehit gemacht hatte und später "Notorious" produzieren sollte. Zuletzt gibt's noch die längere Soundtrack-Version von "Say The Word" und die einzige B-Seite, bei der es sich allerdings um einen Instrumentalmix vom Wahltag handelt.
CD2 wartet dann mit den Maxi-Remixen auf, wobei die (nicht ganz-)Instrumentalversion von "The Promise" bisher unveröffentlicht war. Allesamt sind das Extended Mixe der alten Schule, also phantasievoll ausgestaltete Variationen um den eigentlichen Song, keine dumpfen Danceklopper. Hervorzuheben wäre noch die lange Version von "Rose Arcana", das mich an die späten Japan erinnert. Von den Mixen sind fast alle da, der hier als 'Cryptic Cut' ausgezeichnete Mix von "Election Day" scheint mir eher der 'Fact And Story'-Mix zu sein, aber um dies zu überprüfen, müsste ich die alten Vinyl-Maxis auflegen. Ich wüsste nicht einmal, ob meine Anlage dazu noch imstande ist. Schon allein deswegen bin ich EMI dankbar, denn alles in einer Box, die mir plastikverpackt besser gefällt als die letzten beiden Duran Duran-Pappboxen, das war schon lange nötig. Ein Satz noch zum Booklet: Ich finde auch, da wäre mehr drin gewesen, wobei sich das Artwork am Original orientiert und alle Fakten soweit präsent sind; Texte leider nicht.
Zuletzt möchte ich noch auf die DVD eingehen, bei der es sich lediglich um die digitalisierte Version der Arcadia-VHS-Veröffentlichung handelt. Wo man früher noch spulen musste (die Making Ofs sind ja ganz nett, aber mehr als einmal in 20 Jahren brauch ich mir die nicht ansehen), kann man heute bequem springen. Die Clips zu den "So Red The Rose"-Auskopplungen halte ich für durchwachsen: "Election Day" orientiert sich in seiner Sinnfreiheit wohl am Songtext (und alle haben einen Hüftschaden, aber teuer war's!), wogegen "The Promise" durch Schwarz/Weiß und Einfachheit gewinnt, mal von allzu offensichtlichen und dadurch lächerlichen Posen abgesehen. "Goodbye Is Forever" ist überladen und wirkt billig, "The Flame" ist Slapstick und bad acting, aber dadurch schon wieder charmant. Zuletzt durfte sich 'light photographer' Dean Chamberlain an "Missing" heranwagen, was perfekt passt und immer wieder schön anzusehen ist. Zwei Jahre später wurde er noch einmal für den Duran Duran-Clip zu "All She Wants Is" verpflichtet, da sind die Parallelen verblüffend. Leider gibt es keine Bonusclips wie TV-Auftritte.
Auf der englischen Amazon-Seite wurde das Remastering verteufelt, angeblich alles nur auf Lautstärke bedacht, so dass die Nuancen gekillt werden. Mir ist nichts aufgefallen, aber ich bin womöglich auch nicht der HiFi-Experte, der sich deswegen die Haare rauft und zum Boykott aufruft; im Gegenteil: Bravo-Schocks nehmen mich schon lange nicht mehr mit, und Poster von föhngewellten Mittzwanzigern hab ich auch keine mehr an der Wand, aber das, was Arcadia 1985/86 fabriziert haben, das höre ich immer wieder gerne, und manchmal bin ich davon auch noch so beeindruckt wie damals. Schön, dass das noch geht.