Das ist Roberta Gambarini's drittes Album (nach "You Are There" und "Easy To Love") und - wie bei allen vorherigen - ihr bisher bestes. Das heisst, sie verbessert sich konstant mit jedem Jahr, jeder CD und jedem Auftritt - und sie ist bereits auf einem hohen Level gestartet. Zur Erinnerung: Die Italienerin wuchs in einem jazzbegeisterten Elternhaus in Turin auf, sammelte erste Erfahrung in Italien, zog 1998 in die USA und lebt heute in New York. In ihren CDs konzerntriert sie sich auf Standards aus dem Great American Songbook, Lieder, die sie seit ihrer Jugend kennt und liebt. Eine naheliegende und doch auch schwierige Wahl, denn die "Wettbewerbsintensität" in diesem Segment ist hoch, will heissen, jedes Jahr kommt ein Dutzend Nachwuchs- und auch schon etablierte Sängerinnen und bringen Alben mit Standards heraus. Was sie ausmacht und von anderen unterscheidet, ist ihr strikter Jazz-Approach, mit durchaus spontaner Improvisation (auf die Frage, warum sie ihre Stücke nicht, wie andere Sänger(innen), Note für Note ausgearbeitet hat, antwortete sie mit entwaffnender Offenheit: I don't know. I thought that was jazz.").
Die 14 Titel auf der CD sind mit diversen kleinen Gruppierungen aufgenommen, meist mit einem Trio mit dem Pianisten Tamir Handelman, dem Bassisten Chuck Berghofer und Altmeister Jake Hanna an den Drums. Da gibt es dann jede Menge Variationen (die CD wurde an drei verschiedenen Tagen im Juni und Oktober 2008 eingespielt, "You Must Believe in Spring" und "Cinema Pardiso" stammen vom September 2001), mal sitzt Eric Gunnison am Piano, mal Gerald Clayton, am Bass höre wir auch noch Neil Swainson und George Mraz, am Schlagzeug Jeff Hamilton, Montez Coleman und Al Foster. "So in Love" und "Over the Rainbow" sind sehr schöne Vocal-Piano-Duets, es gibt auch eine ganze Reihe schöner Balladen auf dem Album, "Crazy" von Willie Nelson, "I See Your Face Before Me" (von Roberta Gambarini als "quintessential Frank-song" bezeichnet, "You Must Believe in Spring", und "This Is Always"(mit James Moody und Roy Hargrove). Die schnellen Swinger sind ebenfalls gut gewählt. "Day In, Day Out" startet mit einer Vocal-Intro, nur vom Schlagzeug begleitet, und dann zeigt sie eine fast Sarah-Vaughan-artige Range - gleichzeitig fegt sie durch den Song wie Ella das getan hätte. "Get Out of Town", unterstützt von James Moody's Saxophon, improvisiert sie im medium Tempo so locker, leicht und fluffing, und gleichzeitig mit so stetem Swing, dass es ein wahre Freude ist. "That Old Black Magic" hat mehr als nur einen Frank Sinatra-Anklang, ist aber dennoch eigenständig (wenn man schon immer Vergleiche ziehen will, dann erinnert sie mich persönlich in ihrem Approach manchmal eher an Mel Tormé als an Sinatra). Sind schon die Standards alle mit exzellentem Geschmack (und, wie sie betont, intuitiv) ausgewählt, so trifft das auch für die etwas ungewohnteren Snngs zu: "Estate",eins von zwei italienischen Liedern auf der CD (verträumt-melancholisch), das andere ein englisch gesungenes Medley zu Ennio Morricone's Filmmusik "Cinema Paradiso"; dann You Ain't Nothing but a JAMF", mit Lyrics von Roberta Gambarini zu einem Stück von Johnny Griffin zeigt ihre Talent als Songwriter (deftig-kräftig, aber im Sinne des Komponisten), und mit "Golden Slumbers/Here, There and Everywhere" demonstriert sie, dass man Lennon/McCartney-Titel angemessen ins Jazzidiom übertragen kann.
Für mich bisher die beste Vocal Jazz CD des Jahres 2009. Gambarini ist ein Hit, und ich glaube bestimmt, dass wir alle noch weiterhin viel Freude mit ihr haben werden.