Sam Vimes (dt.: Sam Mumm) kann es nicht fassen. Nach so langer Zeit, nach allem, was er für die Stadt getan hat, soll er das Kommando an Captain Carrot übergeben?
Ich war etwas geschockt, als ich den Anfang von "Snuff", Pratchetts neuem Buch, gelesen habe, bis sich - relativ rasch - herausgestellt hat, dass Vimes nicht in Pension geschickt wird, sondern nur Urlaub bekommt, angeordnet natürlich von Sybil, seiner Frau, in Zusammenarbeit mit ihrem alten Freund Havelock, den meisten eher bekannt als Vetinari, Patrizier von Ankh-Morpork.
Der Plan ist, ein paar ruhige Wochen auf ihrem Landsitz zu verbringen, was natürlich nicht funktioniert; denn wo ein copper ist, findet sich auch bald ein Verbrechen, vor allem wenn der copper Sam Vimes ist. Ich werde hier keine Details verraten; nur soviel: Es geht wieder mal um eine neue Rasse und dementsprechend begegnen wir der Scheibenwelt-Variante von Rassismus. Dieses Thema wurde in der einen oder anderen Form schon öfters von Pratchett behandelt, und zwar üblicherweise im Rahmen einer Geschichte um Sam Vimes.
Für mich persönlich ist es immer wieder ein Genuss, ein neues Buch von Pratchett zu lesen, er ist definitiv einer meiner Lieblingsautoren. Bis mindestens "Der fünfte Elefant" hat er keinen Scheibenweltroman geschrieben, den ich nicht als brilliant empfinde. Danach war er manchmal brilliant, manchmal sehr gut, und manchmal auch nur gut.
Bei diesem Buch hatte ich zusätzlich große Freude, weil wieder mal einer meine Lieblinge, Sam Vimes, der Protagonist ist. Das ist etwa so, als ob ich einen lieben Freund nach Jahren wieder mal treffe. Schon allein deshalb ist das Buch für mich besser als nur 'gut'.
Ich mag es aber auch nicht als herausragend einstufen, weil ich es damit auf die gleiche Stufe wie "Guards, Guards" (dt. "Wachen, Wachen") oder "Men at Arms" (dt. "Helle Barden") stellen würde, und dort gehört es nicht ganz hin. Die Geschichte ist unterhaltsam, hat eine schöne Moral und Vimes erfüllt meine Erwartungen. Das ist aber auch gleich das Problem. Früher, als sich der Vimes-Charakter noch entwickeln musste, blieb mir oft vor Überraschung die Luft weg, wenn er etwas Unerwartetes gemacht hat oder über sich hinaus gewachsen ist. Mittlerweile ist die Person voll entwickelt und handelt meist wie erwartet.
Was die handelnden Personen betrifft, treffen wir auf alte Bekannte wie Willikins, der einiges an Raum bekommt, sowie Vimes' heranwachsenden Sohn, der in diesem Buch große Freude bei der Sammlung verschiedenster Tierexremente hat. Ausserdem, wenn ich den Begriff 'Person' ein bisschen dehnen darf, begegnet er wieder seiner 'darkness'. Andere Bekannte aus der Wachenwelt haben ebenfalls kurze Auftritte.
Die besten PTerry-Bücher sind wie Puzzles, von denen ich auf den ersten hundert Seiten eine Menge Teile zur Verfügung bekomme, die aber nicht zusammenpassen, bis dann langsam Verbindungsstücke auftauchen und so ab zwei Drittel das Gesamtbild erkennbar wird, und die letzten paar Teile enthalten dann immer unerwartete Details, die dem ganzen Bild eine neue Bedeutung geben.
Um bei der Analogie zu bleiben: Bei diesem Puzzle ist das Bild recht schnell zu erkennen und große Überraschungen bleiben aus. Außerdem ist das gesamte Bild irgendwie kleiner.
Jetzt muss ich aber ein wenig auf die Bremse steigen, um nicht den Eindruck zu erwecken, das Buch gefiele mir nicht. Ich hab's in eineinhalb Tagen ausgelesen, obwohl Pratchetts Englisch nicht ganz simpel ist, und hatte großen Spaß dabei. Was nämlich niemals nachlässt, ist seine Fähigkeit, zu formulieren. Die Art, wie er schreibt, macht einfach Laune und mehr als einmal hab ich laut gelacht. Das ist also sozusagen ein Mindeststandard, den Sir Terry trotz schwindender Gesundheit immer erfüllt.
Zusammenfassung: Scheibenweltfans kann das Buch bedenkenlos empfohlen werden. Es kann zwar nicht an die wahren Großtaten des Meisters anschließen, aber bereitet immer noch unheimliches Lesevergnügen. Neulingen in dieser Welt lege ich zum Einstieg und Verständnis erstmal "Guards, Guards" (dt. "Wachen, Wachen") ans Herz.