Gary Shteyngart ist Amerikaner, ein hoch intelligenter Unterhalter, der leider im Körper eines Russen eingesperrt ist. Dieser Autor schreibt einfach drauf los, ohne sich um irgendetwas Historisches zu kümmern und das gibt dem Leser oder der Leserin ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Sein Manifest lautet, die ganze Welt wird russifiziert.
Zum Plot: Die Geschichte beginnt im Juni 2001 und endet am 10. September 2002. Die Hauptfigur, um die es zunächst ausschließlich geht, heißt Mischa Borissowitsch "Snack Daddy" Vainberg. Dieser unverbesserliche Fettsack wiegt 144 kg, ist 30 Jahre alt und Sohn des 1238streichsten Mannes von Russland. Sein Vater war während des Sowjetreiches ein Dissident, ist beim großen Wechsel zu einem Oligarchen mutiert und wird nun zunehmend reicher. Er schickt seinen Sohn mit zwei Aufträgen nach Amerika, erstens, lass dich beschneiden. Das ist die komischste Szene in dem Buch. Da stürzt sich eine Hundertschaft auf Mischa, füllt ihn mit Alkohol aus einer Badewanne ab, damit er keine Schmerzen bei der Zirkumzision erleidet. Der Eingriff gelingt mit unbefriedigendem Ausgang. Der zweite Auftrag lautet, er soll in Amerika studieren. Er immatrikuliert sich am "Zufall College" und macht dort den Abschluss über Multikulturalismus. Er lebt dann in New York im Angesicht der Zwillingstürme, möchte dort am liebsten einziehen, Glück hat er gehabt, denn das ist nicht möglich.
Mischa weilt mit seiner afroamerikanischen Freundin bei seinem Vater in St. Petersburg und erfährt, dass dieser ein Mörder, ein brutaler Gangster ist, der einen Geschäftsmann aus Oklahoma ermordet hat. Mischa befürchtet nun, dass er als Sohn eines Mörders nicht mehr nach New York einreisen darf. Sein Vater wird ein paar Tage später auf bestialische Art von einem Gegenoligarchen umgebracht.
Und jetzt beginnt die große Reise, die den Mischa ins krisengeschüttelte Absurdistan führt. Dort kauft er sich von einem korrupten belgischen Beamten einen belgischen Pass, um damit irgendwann einmal wieder die Möglichkeit zu haben, nach Amerika einreisen zu können.
Das Buch heißt im amerikanischen "Absurdistan". Man kann sich dabei eine postsowjetische "Bananenrepublik", wahlweise Asserbadjan, vorstellen. Und dieses arme Land braucht Geld, es will die "Europäische Bank" ins Land holen. Die Vorraussetzung dafür ist, dass das Land zunächst einmal in Grund und Boden geschossen wird. Dort bricht ein Bürgerkrieg aus, es gibt Tausende von Toten und es gibt diese ganz dubiose Vermischung von Interessenvertretungen für Öl, für all die Dinge, die die heutige Welt bestimmen. Die Wiederaufbaudiskussionen laufen an, als die gegnerischen Raketen noch in der Luft sind. Das klingt alles sehr zynisch, aber wenn man es mit der Realität vergleicht, beispielsweise mit dem Libanon Krieg 2006, dann klingt das gar nicht mehr so hämisch. Der Krieg wird für die Fernsehnachrichten produziert, nach den "News" kommen die Gelder. So wird Politik gemacht, besonders auf dem Rücken der Armen und der Machtlosen. Die beiden Völker beschießen sich scheinbar gegenseitig, in Wirklichkeit ist alles nur inszeniert.
"Snack Daddys Abenteuerliche Reise" ist eine brillante literarische Satire, denn eine gute Persiflage beschäftigt sich ja vornehmlich mit Elendsverhältnissen. Umkehrschluss, je besser eine Satire ist, desto tragischer. Das Buch kommt mit einem unglaublichen Tempo daher, so dass man nicht unbedingt auf den ersten Blick den Eindruck hat, man hätte es mit etwas Tragischem zu tun. Aber so bald man darüber nachdenkt, bekommt die Geschichte in der Aussage eine unwahrscheinliche Tiefe. Es ist ein unglaublicher Roman, in den so viel hinein gepackt ist. Eigentlich spielt Gary Shteyngart mit der ganzen Welt. Es ist ein Buch voller sehr komischer Geschichten, sehr leicht und unterhaltsam wird dieser amerikanische Cocktail aufbereitet. Leichtzüngig geht der Autor in diesem "Spielbuch" mit Klischees wie Sexismus, Holocaust, Terrorismus, Antisemitismus, Fundamentalismus um. Es ist alles unser Zeitalter doch die Affinität zu Don Quichotte, Sancho Pansa, Simplicissimus und Oblomow ist unverkennbar.
Der Autor behandelt die Themen unseres, aus seiner Sicht, kaltherzigen, brutalen, gewalttätigen und liebeshungrigen Zeitalters, mit großer Präzision, auch wenn er über die Maßen satirisch ist. Und besonders gut kann er Sexszenen beschreiben. Mit Hingabe beschreibt er die Sexszenen dieses grässlichen, übergewichtigen Fettsacks Mischa mit seiner penetrant riechenden "New Yorker Unterschicht Dame" aus der Bronx.
Aber, und das ist meine unverhohlene Kritik an dem Buch, welches ich mit großem Vergnügen, viel schmunzelnd und lachend, gelesen habe. es ist eine Welt in der "Nichts" Gewicht und Bedeutung hat. Das ist eine Welt die letztlich so leicht funktioniert wie der "Kick mit der Maus". Es ist eine Welt aus den Medien, keine Welt die sich an der Materie, den alltäglichen Problemen des wahren Lebens, gerieben hat. Und das Buch ist auch ein bisschen selbst verliebt und ein bisschen zu lang.
Trotz der angesprochenen Kritik fand ich dieses Roman einfach umwerfend, habe ihn sehr gern gelesen, und kann ihn deshalb mit Nachdruck empfehlen.