Hier ist es also, das grösste "Lost Album" aller Zeiten, der heilige Gral des Pop, das Bernsteinzimmer des Rock: "Smile". 1966/1967 waren die "Beach Boys" neben den "Beatles" die grösste Band der Welt, deren Mastermind Brian Wilson schrieb, arrangierte und produzierte Hit auf Hit und legte 1966 quasi im Alleingang das Jahrhundertalbum "Pet Sounds" vor (laut "Mojo Magazine" das beste Album aller Zeiten), welches nachweisslich McCartney und Co. zu "Sgt. Pepper" inspirierte. Wilson jedoch war dies nicht genug: er wollte nun ein Album schaffen, welches selbst "Pet Sounds" in den Schatten stellen würde. Erstes Resultat seiner Experimente: der Welthit "Good Vibrations", einer der grössten Songs des Pop überhaupt. Das Albumprojekt, zu welchem diese Single gehören sollte, nannte er erst "Dumb Angel", später "Smile". Aus vielerlei Gründen (Wilsons Drogenkonsum und beginnende, ihn für Jahrzehnte in Anspruch nehmende Paranoia sowie eine musikalische Richtungslosigkeit; Zwist innerhalb der Band wegen Wilsons psychedelischer Musik, die kommerziellen Misserfolg befürchten liess; ein Rechtstreit mit Capitol Records...) blieb "Smile" nicht nur unveröffentlicht, sondern auch unvollständig. Manche wichtigen Songs wie "Heroes and Villains", "Vegetables", "Cabinessence", "Wind Chimes", "Wonderful" oder "Surf's Up" wurden (zum Teil stark verändert) auf späteren "Beach Boys"-Alben veröffentlicht, andere jedoch wie, "Barnyard", "Roll Plymouth Rock" (ursprünglich: "Do You Like Worms"), "Child Is Father Of The Man" oder "I'm In Great Shape" blieben lediglich Fragment. Es entstand ein regelrechter Kult um dieses Album, Bootlegs erschienen mit diversen Session-Mitschnitten, Bücher wurden verfasst (z.B. Domenic Priore's "Look! Listen! Vibrate! Smile!") und Internetseiten diskutierten bzw. diskutieren immer noch fundiert über "Smile". Jetzt hat das Warten ein Ende: Wilson stellte sich seiner Vergangenheit und vollendete im Herbst 2003 gemeinsam mit Originaltexter Van Dyke Parks sein Opus Magnum. Er spielte mit seiner fantastischen Begleitband im Frühjahr 2004 auf einer ausverkauften Europatournee sein verschollen geglaubtes Meisterwerk (alleine 6x London Royal Festival Hall)und nahm es im Studio komplett neu auf. Selbst diejenigen, welche die Bootlegs kennen mit den Originalsessions bzw. die 30 Minuten "Smile-Sessions" vom 1993er "Good Vibrations Box Set", werden feststellen: Nie klangen die Songs besser als 2004! "Smile" ist endlich fertig und Brian Wilson kann beweisen, dass er zu Recht das grösste Einzelgenie des Pop ist. Dass man diese CD als Musikliebhaber im Schrank haben muss, ist wohl Ehrensache.
Diejenigen, die gerne ein Original 66er/67er "Smile"-Album der "Beach Boys" haben möchten, müssen bedenken: Dieses hat es nie gegeben, da die Sessions von Wilson damals abgebrochen wurden und in seiner Vollständigkeit mit einer Länge von knapp 47 Minuten damals auch auf keine LP mit maximal 36 Minuten Spielzeit gepasst hätte. Obwohl es sicherlich aus historischer Sicht interessant wäre, wenn Capitol Records ein "Smile Sessions"-Box Set veröffentlichen würde, kann man sich die Frage stellen: Will man nur Sessions oder ein fertiges, komplettes "Smile"? Dies hier IST "Smile"! Nach 37 Jahren...