(Kinoversion)
Gérard Depardieu ist scheinbar wie eine Flasche gut gelagerten Weins... er wird mit den Jahren immer besser. Es ist faszinierend mitanzusehen, wie Dépardieu wirklich jede ihm zugeschriebene Rolle so perfekt ausfüllt, als wäre er der Charakter, den er im Film gerade zum Besten gibt. Der Mann ist mit einem so großen Talent gesegnet, dass es einem die (Freuden)tränen in die Augen treibt. Meine Bewunderung für Depardieu ist nicht neu und mir ist auch bewusst, dass ich mich wiederhole, aber ich kann einfach nicht anders, als sinnbildlich vor diesem Schauspieler auf die Knie zu gehen ob seines begnadeten Könnens. Auch in "Small World" beweist Depardieu erneut, dass es nichts gibt, was er nicht darstellen könnte und haut einen erneut um mit seiner physischen Präsenz und seiner grandiosen Schauspielkunst.
Konrad (Gérard Depardieu) ist in den 50ern und wohnt allein in einem Ferienhaus der reichen Familie Senn, die ihn mit der Instandhaltung beauftragt hat. Konrad ist ein bisschen schusselig und vergesslich, kommt aber ansonsten noch ganz gut alleine klar. Bis er eines Abends versehentlich das Haus abfackelt und bei Familie Senn auf der Matte steht. Früher einmal waren er und Thomas Senn (Niels Arestrup, "Ein Prophet") die besten Freunde und wohnten sogar zusammen auf dem riesigen Anwesen der Senns. Heute jedoch scheint Konrad ein eher ungebetener Gast zu sein, was nicht nur Thomas, sondern auch seine Stiefmutter Elvira (Françoise Fabian, "Belle de Jour") deutlich zum Ausdruck bringen. Neben Thomas' Ex-Frau Elisabeth (Nathalie Baye, "Die Blume des Bösen") scheint einzig Simone (Alexandra Maria Lara, "Der Untergang"), Thomas' Schwiegertochter, Konrad offen und freundlich entgegenzutreten. Sie beginnt, sich ein wenig um den vergesslichen, aber liebenswerten Kerl zu kümmern, besonders, als bei ihm Alzheimer festgestellt wird. Konrad wird in das Gästehaus der Familie Senn einquartiert, erstaunlicherweise auf Elviras Geheiß. Woher kommt die plötzliche Barmherzigkeit der matriarchalischen alten Dame und warum sind die Senns so beunruhigt über Konrads wiederkehrende Erinnerungen an die Zeit, in der er noch bei den Senns lebte? Welches Geheimnis soll hier nicht ans Tageslicht gezerrt werden und warum sollte gerade Konrad es lüften können?
Regisseur Bruno Chiche hat sich in seinem dritten Spielfilm einen Roman von Martin Suter vorgenommen und diesen wirklich grandios in bewegte Bilder umgesetzt. Hier stimmt einfach alles, angefangen beim fantastischen Cast über die wunderbar französischen Settings, wunderschöne Musik, die den Film perfekt untermalt bis hin zur dichten Geschichte, die einen über ihre ganze Dauer von 93 Minuten gefangen nimmt. Kameramann Thomas Hardmeier fängt die Stimmung des Films perfekt ein und weiß immer genau, wann er mit der Kamera auf Distanz gehen oder ganz nah an den Darstellern dran bleiben muss. So gelingen ihm einzigartige Bilder des französischen Anwesens der Familie Senn und großartige Einblicke in das Seelenleben der Protagonisten, wenn er ganz nah an ihre Gesichter heranfährt, in denen sich Trauer, Verbitterung, Enttäuschung, Verwirrung, Ärger, Wut und Hilflosigkeit widerspiegeln.
Neben einem Charaktermimen wie Depardieu zu bestehen, gelingt wohl nur den Wenigsten, hier schaffen es nur Françoise Fabian als Familienvorstand Elvira und Nathalie Baye als alte Liebe Konrads. Die mittlerweile 77jährige Françoise Fabian ist eine wunderschöne Frau mit großer Ausstrahlung, die die herrische Familienälteste mit Würde und Unnachgiebigkeit spielt. Auch Nathalie Baye, 62, ist eine beeindruckende Frau, deren Elisabeth viel Sanftmut und Bedauern ausstrahlt. Im Gegensatz dazu lässt sich über Alexandra Maria Lara nur das sagen, was man immer über sie sagen kann: sie spielt durchschnittlich gut, bleibt einem aber nie über den Abspann hinaus in Erinnerung. Ich habe selten eine so konturlose, langweilige und schematische Darstellerin erlebt, und dass, obwohl sie nachweislich schauspielern kann.
Doch spätestens, wenn man Depardieus differenziertem Spiel zusieht, hat man Lara sowieso gänzlich vergessen. Depardieus Darstellung eines an Alzheimer Erkrankten ist facettenreich, bewegend und schlicht ergreifend. Wenn er sich wie ein kleines Kind über ein paar Schneeflocken freut, gänzlich orientierungslos auf der Straße steht, die Verzweiflung in den Augen oder seine große Liebe Elisabeth sehnsuchtsvoll "meine Schöne" nennt, nur, um sie im nächsten Moment nicht mehr zu erkennen, zeugt das von ganz großer Schauspielkunst. Depardieu hat offensichtlich nie die Fähigkeit verloren, sämtliche Emotionen voll auszuleben, seien es nun fröhliche oder tieftraurige. Kleinste Stimmungsveränderungen spiegeln sich in seiner Mimik so treffend wider, dass er mühelos zwischen allen denkbaren emotionalen Stimmungen wechseln kann, ohne dabei nur einen Hauch an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Ich glaube, es gibt nur drei Schauspieler, denen ich das zubillige, was man im Musikalischen wohl das absolute Gehör nennt. Neben Sean Penn und Robert deNiro ist Depardieu einer der Menschen, denen ich darstellerisch alles zutraue und die mich noch nie enttäuscht haben, zumindest nicht mit ihren schauspielerischen Qualitäten.
Neben dem angestrebten Drama gelingt es Regisseur Chiche aber auch, in seinen Film krimitechnische Elemente einfließen zu lassen. Die Frage um das Geheimnis der Familie Senn kann man sich als halbwegs intelligenter Zuschauer zwar schon einige Zeit vor Ende des Films beantworten, nichtsdestotrotz ist die Geschichte spannend und wird nur langsam durch Konrads aufkeimende Erinnerungen mit Nahrung gefüttert. Konrads durch Alzheimer immer kleiner werdende Welt (ich vermute einfach mal, dass der Titel des Films dies andeuten will) birgt ein über Jahrzehnte wohl gehütetes Geheimnis, welches auch nach all den Jahren nichts an zerstörerischer Kraft verloren hat. Als die Büchse der Pandora dann endlich geöffnet ist, bleibt kaum ein Stein auf dem anderen und dennoch gelingt Chiche ein Ende, das den Zuschauer mehr als zufrieden aus dem Kino kommen lässt. Ein paar kleine Längen und die an manchen Stellen etwas verwirrend erzählte Geschichte fallen dabei zum Glück nur marginal ins Gewicht.
"Small World" ist ein wunderbar französischer Film (und das ist diesmal durchaus als Kompliment zu verstehen) mit bewegender Geschichte und einem großartigen Cast. Spannend, berührend und einfühlsam und wie immer mit einem fantastischen Gérard Depardieu, der die hohe Erwartungshaltung des Zuschauers mühelos auf seinen breiten Schultern trägt. Somit mehr als gerne vier von fünf dunklen Geheimnissen, die nun endlich gelüftet werden.