diesmal haben sie's übertrieben, und deshalb ging sich dieses album auch kommerziell nicht mehr aus. damals, 1989, war die enttäuschung ganz besonders groß, einfach, weil diese platte im kontrast zu "1987" keine chance hatte - und im kontrast zu den übergroßen erwartungen. heute, aus der distanz gesehen, ist der ruf des albums ein weit besserer. es macht sich gut im whitesnake-katalog, wenn es auch ein bisschen kurios ist.
"slip of the tongue" fällt aus drei gründen gegenüber "1987" ab.
1) wegen der produktion. dass david coverdale zwei(!) produzenten beauftragte, zeigt schon, wie unsicher er sich damals war. laut liner notes wollte er von keith olsen die kommerzielle geschmeidigkeit und von mike clink die kernige basis im klang. das ergebnis: ein unentschlossener, zwar brillanter, aber erstaunlich schmaler klang mit übertrieben bombastischen details.
2) wegen der songs. die guten sind fast so gut wie die auf "1987". die nicht ganz so guten sind deutlich weniger gut als die auf "1987". die neuauflage von "fool for your loving" ist ausgezeichnet gelungen und stellt dem original von "ready an' willing" eine neue, kraftvolle, jugendliche alternative entgegen. der titeltrack ist ein lässiger fetzer. "judgement day" klingt wie der jüngere bruder von "still of the night". "now you're gone" pendelt im stil von "here i go again" zwischen ballade und rocker. "the deaper the love" ist eine schöne ballade, "is this love" durchaus ebenbürtig. "wings of the storm" ist ein sich bedrohlich aufbauendes, leicht mysteriöses stück, für mich das beste des albums. und "sailing ships" ist eine ganz gelassene, stille ballade mit schönen melodien. die anderen tracks dagegen sind durchschnitt, whitesnake nach vorschrift. fazit: adrian vandenberg ist ein guter songwriting-partner für david coverdale, aber nicht so gut wie es john sykes war.
3) wegen steve vai. adrian vandenberg verletzte sich am handgelenk und konnte auf dem album nicht spielen (nur ein paar rhythmus-spuren sind von ihm), da david coverdale unter druck stand, die produktion endlich abzuschließen. das führte zu dem absurden ergebnis, dass vandenberg seine eigenen lieder nicht interpretieren konnte. und dazu, dass steve vai auf songs, die nicht von ihm waren, nicht nur seine eigenen gitarrenparts spielen musste, sondern als eine art stunt-gitarrist auch die geplanten beiträge von vandenberg rekonstruieren und nachspielen musste. allein schon diese situation schwächte das album, seine authentizität, seine dringlichkeit. es stimmt wohl, dass vai nicht der ideale (einzige) gitarrist für whitesnake war - er behübscht die songs viel zu sehr mit seinen netten gitarristischen zirkusstückchen. der fairness aber muss man dazusagen: whitesnake war auch nicht die richtige band für steve vai. man vergleiche nur einmal die ersten beiden david-lee-roth-alben mit diesem hier. auch dort ist vai ganz vai, überkandidelt, virtuos bis an die grenze der parodie - aber er spielt ungleich schärfer, wilder, härter. offenbar passten beide seiten hier nicht gut zusammen und verloren sich während des produktionsablaufs in zahmen kompromissen.
was ist noch zu sagen? dass es david coverdale auch beim singen übertrieb - seine in folge einer stimmbandoperation höher gerutschte stimme ist hier oft hart an der grenze des lachhaften (was er selbst auch zugegeben hat). und das styling ist natürlich endgültig over the top, das bunte leder, die farbigen gitarren, die fönwellen, die solariumsbräune - david coverdale, damals fast 40, sieht ein bisschen zombiehaft aus.
dennoch: ein album, das man nicht unterschätzen sollte. es hat einen gewissen kuriosen charme, viele gute songs und interessante details.
die remasterte neuauflage hat einen noch edleren, brillanteren klang. die cd-bonus-tracks sind die bekannte, recht nette b-seite "sweet lady luck", sehr interessante alternative abmischungen von "now you're gone" und "fool for your loving". und dazu "judgement day" vom aktuellen "live ... in the shadow of the blues"-album. sehr interessant sind "slip of the tongue" und "kitten's got claws", mitgeschnitten 1990 beim monsters of rock in donington, 1990: ausgezeichnet gespielt, der gesang von david coverdale ist allerdings wirklich jenseitig, er quietscht so hoch wie ein mädchen - kann man das nicht wieder rückoperieren?
die dvd enthält die drei genannten livetitel in bild, dazu videoclips und zwei stücke vom unplugged-konzert "starkers in tokyo".
alles sehr schön und gut. ABER!!!! warum gibt es hier nicht die von vandenberg eingespielten demofassungen, von denen coverdale im ausgezeichneten booklet so sehr schwärmt? das ist völlig unverständlich und auch unsinnig - so könnte man sich selbst ein bild machen, wie das album ursprünglich hätte klingen sollen.