Mal Hand aufs Herz: Welcher Wilco-Fan der frühen (d.h. der 90er) Jahre hat sich diese bezaubernde Rückkehr zum Song nicht schon länger herbeigewünscht? "Yankee Hotel Foxtrot" (2001) und "A Ghost is Born" (2004), das waren ohne Zweifel wagemutige, tolle Alben, vor allem aber auch teils schwer verdauliche Übungen in Experiment und Noise-Exzess. Der weitere Weg zur Abstraktion konnte nur noch in der Radiohead-Sackgasse enden. Rechtzeitig haben Wilco nun die Kurve gekriegt und legen die luftigste, wärmste, schönste CD ihrer Karriere vor. "Sky Blue Sky" ist, nimmt man Maß am großen Neil Young, ihr "Harvest" oder "Comes a Time".
Kein Album soll klingen wie das vorherige: Nach diesem Motto orientieren sich Sänger/Songwriter Jeff Tweedy und seine virtuosen Mitstreiter diesmal vor allem am Westcoast-Pop der 70er, aber auch an Blues, Folk, Jazz- oder sogar Southern-Soul-Anklängen. Und das tun sie mit den herrlichsten Melodien und einem Band-Feeling, das im Rock-Business dieser Tage recht einmalig sein dürfte. Viel Klavier, Orgel, Pedal Steel, dann und wann einige Streicher, aber natürlich auch wieder die fabelhafte E-Gitarre von Nels Cline liefern den Unterbau für ein neues Meisterwerk.
Das zarte "Either way" zum Einstieg und das tiefmelancholische "On and on and on" am Schluss bilden die Klammer für ein Album, das sich ganz der Harmonie verschrieben hat. Beide Songs zeigen Tweedy, der auf der Bühne und im Leben ein schwieriger Zeitgenosse sein kann, von seiner sensibelsten Seite. Überhaupt sind Balladen, teils schwermütig, teils frühlingshaft-leicht, auf "Sky Blue Sky" in der Überzahl. Aber was für Balladen das sind - kitsch- und klischeefrei, ohne Ballast, melodisch raffiniert, von Tweedys traurig-weiser Stimme veredelt. Wilco-Balladen eben - wer das herzzerreißende "Lonely One" (von ihrem 1996er Opus magnum "Being There") kennt, weiß Bescheid. Aber auch lockere Jams mit ausufernden Gitarren-Duellen a la Greatful Dead sind zu hören - die Wilco-Jungs hatten im Studio hörbar Spaß.
Wer den Weg dieser großen US-Band vom Country-Rock zur Experimental-Combo mit Wohlwollen verfolgt hat, wird möglicherweise irritiert auf diese neue Platte reagieren. Mancher wird gar von einem Rückschritt sprechen. Doch das trifft nicht den Kern von "Sky Blue Sky". Dies ist die andere Seite von Wilco, die feinere, entspanntere, harmonieselige, auf den ersten Blick traditionalistische Seite. Schön für uns alle, dass Tweedy und Co. diese Facette mal wieder so richtig auskosten. Ihren Fans liefern sie damit die Frühlings- und Sommerplatte 2007 schlechthin - und schon jetzt eines der besten Alben dieses Jahres. Ganz große Kunst.