Täusche ich mich, oder entschuldigt sich Jeff Tweedy in manchen Interviews für sein neues Meisterwerk? Dafür, dass er diesmal bewusst "nur" ein Album mit guten Songs zum Durchhören und Genießen machen wollte, ohne Depressionen, Suchterscheinungen und schlechte Laune, ohne Krach-Exkursionen und atonale Ausfransungen? Manche Fans und Kritiker hatten nach "Yankee Hotel Foxtrot" (2001) und "A Ghost is Born" (2004) eine Fortsetzung des experimentellen Kurses erwartet und werden nun enttäuscht sein. Sei's drum. Für alle anderen könnte "Sky Blue Sky" schon im Wonnemonat Mai die Platte des Jahres sein.
Was für ein großartiges Album, was für erlesene Melodien, was für virtuose Musiker! "Sky Blue Sky" markiert nach Jahren der mutigen Sound-Erforschung - mit großenteils beeindruckenden Ergebnissen - die Rückkehr von Wilco zur radikalen Reinheit des Songs. Der weitere Weg zur Abstraktion hätte ja auch nur noch in der Radiohead-Sackgasse enden können. "Sky Blue Sky" ist, nimmt man den großen Neil Young als (durchaus passenden) Maßstab, ihr "Harvest" oder "Comes a Time".
Kein Album soll klingen wie das vorherige: Nach diesem Motto orientieren sich Sänger/Songwriter Tweedy und seine fünf Mitstreiter diesmal vor allem am Westcoast-Pop der 70er Jahre, aber auch an Blues, Folk, Jazz- oder sogar Southern-Soul-Anklängen. Und das tun sie mit einem Band-Feeling, das im Rock-Business dieser Tage recht einmalig sein dürfte.
Wer sich die überaus lohnende CD/DVD-Edition leistet, kann Wilco quasi live bei der Arbeit im Studio zusehen: Da wird mit viel freundschaftlicher Harmonie auf handwerklich höchstem Niveau musiziert, jeder Ton klingt organisch und warm, man fühlt sich in die Zeit der Americana-Legenden der Seventies versetzt: Crosby, Stills, Nash & Young, The Band, Allman Brothers, Greatful Dead, Eagles. Viel Klavier, Orgel, Pedal Steel, und vor allem diese einmalig starke Gitarren-Front mit Tweedy, Pat Sansone und dem genialen Saitenzauberer Nels Cline.
Auf der CD bilden das zarte "Either way" zum Einstieg und das ergreifende, streicherverzierte "On and on and on" am Schluss (Wilcos vielleicht schönster Song überhaupt) die Klammer für ein Album aus einem Guss, wie es selbst diese wohl beste US-Rockband so noch nie hinbekommen hat. Beide Lieder zeigen Tweedy, der auf der Bühne und im Leben ein schwieriger Zeitgenosse sein konnte und jetzt - geheilt von der Sucht - offenbar in sich ruht, von seiner sensibelsten Seite. Überhaupt sind Balladen, teils schwermütig, teils frühlingshaft-leicht, auf "Sky Blue Sky" in der Überzahl. Aber was für Balladen das sind - kitsch- und klischeefrei, ohne Ballast, melodisch raffiniert, von Tweedys traurig-weiser Stimme veredelt. Wilco-Balladen eben - wer das formidable "Lonely One" (von ihrem 1996er Opus magnum "Being There") kennt, weiß Bescheid.
Für Gitarrenrock-Fans gibt es viel zu entdecken: das dreiminütige Duell Cline/Tweedy auf "Impossible Germany", ehe die Band wundersam wieder zum Thema des Songs zurückfindet; die Jazz- und Blues-Elemente auf "Shake it off" oder "Side with the seeds"; den Swamp-Groove von "Hate it here"; das Fingerpicking im sanften "Please be patient with me". Und Tweedy singt dazu so gut wie noch nie, ganz oft in Lennon-Nähe und einmal auch wie Dylan ("What light").
Auch wer den gesamten Weg dieser fantastischen Band aus Chicago - vom wurzeligen Country-Rock ("A.M."/1995) zur weltweit anerkannten Intelligenzpop-Combo - verfolgt hat, wird von "Sky Blue Sky" wieder überrascht werden, so schlicht die Songs zunächst wirken mögen (sie sind es natürlich nicht...). Mancher wird ob der Melodieseligkeit des Albums von einem Rückschritt sprechen. Doch das trifft nicht den Kern von "Sky Blue Sky". Dies ist die andere Seite von Wilco, die feinere, entspanntere, auf den ersten Blick traditionalistische Seite. Schön für uns alle, dass Tweedy und Co. diese Facette mal wieder so richtig auskosten. Ihren Fans liefern sie damit die Frühlings- und Sommerplatte 2007 schlechthin. Im Wilco-Katalog ist es das rundeste, freundlichste und dennoch kunstvollste Album ihrer zwölfjährigen Karriere.