Miles Davis besaß die seltene Gabe eines wandelbaren Chamäleons, weil er seine Ästhetik immer wieder verworfen hat, um sich neuen Strömungen anzupassen. Er begann als blutiger Anfänger im Bebop, schwang sich später zum Posterboy des Cool auf, um dann doch die Meisterwerke des Hardbop zu kreieren, ehe er sich schließlich auch noch zum Prediger elektronischer Effekte im Jazz gerierte und dennoch bauten seine Improvisationen stets auf einigen essenziellen Facetten auf, die zu unverzichtbaren Säulen seiner Musik wurden und auch auf diesem Album nicht fehlen dürfen. Gemeint sind solche Dinge wie der lyrische Ton seines falsettartig intonierten Bluesspiels, der sich in seiner abgerundeten Fülle nur äußerst selten zu einem leichten Vibrato kräuselt; der weite Raum, in dem sich der fragile Klang mit rituellem Groove tranceartig ausbreitet und das Moment der Zeit, das eine seltsame Statik aufweist, in der die kurzen rhythmischen Phrasen in zirkulierenden Schleifen beschwörend zu kreisen beginnen.
Wobei man nie genau sagen kann, zu welchem Zeitpunkt Miles Davis tatsächlich Trendsetter war oder nur auf den bereits rollenden Zug aufgesprungen ist. Denn Sketches Of Spain stammt aus jener Zeit Ende der 50er Jahre, als sich Davis, wie so viele seiner Kollegen auch, von den eingefahrenen Konzeptionen des Jazz abwandte und nach neuen Inspirationen suchte, die Mingus kurz zuvor auf seinem obskuren Trip nach Tijuana in einem Quell aus originärer lateinamerikanischer Musik fand. Sketches of Spain setzt ebenfalls auf die Integration ethnisch verwurzelter Elemente und ist von den drei Einspielungen mit dem kanadischen Arrangeur Gil Evans auch die gelungenste Platte, weil beide Musiker hier eine äußerst galante Verbindung aus der sinnlichen Exotik iberischer Traditionen und den mystischen Klängen des einzigartigen Miles-Tons erschaffen. Das Album ist bei jazzfremden Hörern ziemlich beliebt, weil einerseits durch die Arrangements der Raum für die Improvisation etwas enger ist, wodurch sich die Musik ein wenig zugänglicher gibt, und es andererseits seine Inspiration nahezu komplett aus der spanischen Folklore und Kunstmusik zieht, mit Ausnahme der Hommage an Pablo Picasso "The Pan Piper", das einen kleinen Abstecher nach Peru macht und einer traditionellen Melodie Lateinamerikas entliehen ist.
Sketches of Spain ist ein ganz subtiles Werk, weil Davis hier mit einer schmerzhaften Intensität improvisiert, die in ihrer energielosen Lethargie stets mit niedriger Frequenz atmet. So als ob er sich in der inneren Ausgezehrtheit der Gefühle von der übrigen Welt abkoppelt und in eine andere spirituelle Dimension musiziert. Sein reduziertes Spiel kommt weitgehend ohne verschachtelte Rhythmen aus und verharrt in einer mystifizierten Ohnmacht, die einem psychosomatischen Opiumtrip ähnelt, der jedoch nie seinen Reiz verfehlt, weil sich Davis mit zeitlupenartigem Tempo immer tiefer in die sinnlichen Melodien eingräbt, wodurch die expressive Linienführung exponiert in den Vordergrund gestellt wird. Beim Hören wirkt es so, als wollte er mit dem Gestus des einsamen Mannes mit dem Flügelhorn ganz bewusst eine Art konzentrierten Klangstau schaffen, in dessen Sphäre sich die einzigartige Faszination der ausdrucksstarken Töne herauskristallisiert. Oft geht er ins unterste Register, wo sich die tiefen Töne an der Schwelle zur Vergänglichkeit in Trauer manifestieren, dabei kommt er mit wenigen Noten aus, seine kontrollierten Soli beginnen im Nichts, ehe sie ganz sanft mit warmen Farbtönen gefüllt werden und sich wie eine drückend schwüle Hitze über die von Gil Evans mit viel harmonischer Raffinesse arrangierten Muster aus spanischer Folklore legen.
Das Album beginnt mit einer Neubearbeitung des Adagios aus Joaquin Rodrigos klassischem Konzert für Gitarre und Orchester "Concierto de Aranjuez" und ist ein sehr impressionistisches Stück voller wehmütigem Schmerz, das uns mit seiner unkomplizierten Harmonik in den verführerischen Sog betörend aufgefächerter maurischer Rhythmen entführt. Elegant werden die poetischen Arrangements mit den zerbrechlichen Soli verwoben, wenn Davis mit der ebenmäßigen Reinheit seines Klangs und in melancholischer Nostalgie schwerelos über die farbenprächtig schimmernden Texturen von Gil Evans hinwegschwebt und der Musik mit seinen zirkulierenden Improvisationsbögen eine rätselhafte Statik verleiht. Der folgende kurze Zwischentitel "Will O' The Wisp" baut auf einer mit Flöten unkonventionell arrangierten Paraphrase auf, die einer markanten Melodie aus Manuel Fallas amourösen Ballett "El Amor Brujo" entstammt.
"Saeta" ist dann ein sehr stimmungsvolles Stück, das uns in die andächtige Atmosphäre Andalusiens versetzt, wo in Sevilla zur Zeit der Semana Santa, der Heiligen Woche zu Ostern, eine klerikale Prozession zelebriert wird, in der die Büßer in ihren schwarzen Kapuzinerkutten bei ihrem Gang durch die festlich geschmückten Gassen der Stadt von marschartigen Schlagwerken und rhythmischen Bläserfanfaren begleitet werden. Miles Davis bringt mit einem sehr dramatischen Solo den sakralen Zug zum Stehen und verkörpert damit jene traditionellen Sängerinnen, die bei diesem feierlichen Ritual von ihrem Balkon aus ihren inbrünstigen Gesang wie ein okkultes Melisma hinabschweben lassen und der Parade somit Einhalt gebieten, ehe erneut die Trommeln und Bläser des Orchesters einsetzen, um die Passion mahnend zum Weiterziehen zu animieren. Saeta besticht durch eine ganz raffiniert inszenierte Dramaturgie aus Ton und Pause, die unverwechselbar mit der genialen Handschrift von Gil Evans gezeichnet wurde. Der Schlusstitel "Solea" wird vom Geiste des Soleares geprägt, einen klassischen Flamenco-Stil, der durch seine markant abschattierten Taktschemen eine kaskadenartig variierte rhythmische Spannung erzeugt, die seinen erhabenen Stolz auf majestätische Größe wachsen lässt. Die Einleitung erklingt noch im Rubato, ehe erneut Marschtrommeln mit einem Muster aus 12 Schlägen (3-3-2-2-2) einsetzen, das bis zum Ende hin in immer fortwährenden Schleifen zyklisch wiederholt wird und so als Fundament für weitere Rhythmusfiguren, wie einem Bassostinato, dient.
Zur Band ist noch zu sagen, dass Paul Chambers hier erneut seinen tiefen und melodiösen Bass zelebriert, Janet Putnam prächtig die Harfe schimmern lässt und Elvin Jones mit einem äußerst hypnotischen Schlagwerk die Stücke anreichert. Als Bonusmaterial sind auf dieser Edition Song Of Our Country und zwei alternative Takes des Adagios vorhanden.