SEIT WANN ES SIE NICHT MEHR GIBT. Skandale, die nicht schon mitgedacht, vorkalkuliert, einer PR-Strategie geschuldet sind: Es gibt sie immer noch, wenngleich dem Kino nicht mehr die selbe Kraft wie noch vor dreißig oder vierzig Jahren inne wohnt, über cinephile Kreise hinaus heiß laufende Diskurse zu entfachen. Luis Bunuel war schon Ende der 60er davon überzeugt, dass die Zeit der Aufreger samt Demonstrationen, Verbote, Schnittauflagen und Stinkbomben vorbei sei. Er lag grotesk falsch, siehe "Salo", siehe "Die letzte Versuchung Christi", seine Aussage kam zwanzig Jahre zu früh. In ihrer Zeit grenzüberschreitende Filme wie "Possession" (Zulawski), "Irreversible" (Noe), "Romance" (Breillat) oder "Kinatay" (Mendoza) liefen letztlich unter dem Radar wachsamer Sensoren bei Verbänden, Kirchen, Eltern und Politikern. Und "Antichrist" fand sogar Elfriede Jelinek nicht uninteressant, obwohl es frauenfeindlicher wohl kaum geht. Auch ich kann mir keinen Film vorstellen, der heute mit Sex und Gewalt - zumindest in Deutschland - gesellschaftliche Multiplikatoren in Wallung bringt. Nach wie vor dürften religiöse Themen, erst recht unter Beimengung von Terrorismus mit islamfreundlicher oder -kritischer Färbung geeignet sein, nicht nur das Feuilleton wochenlang zu beschäftigen. Doch das war es auch schon.
SPONTAN ODER INSZENIERT. Stefan Volks Arbeit ist ein Meisterstück zu diesem Thema, eines der besten, unterhaltendsten deutschsprachigen Filmbücher der vergangenen Jahre. Ihm ist eine präzise, hervorragend lesbare und durchaus umfängliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Skandalfilm als solches gelungen. Gleichwohl ist er weniger akademisch, als es manchen Filmtheoretikern vermutlich lieb ist, die immer wieder Lacan, Deleuze und Bazin zu Rate ziehen. Man kann dieses Buch Freunden des (Arthouse-)Kinos schenken, die keinen Zentimeter Filmliteratur zu Hause stehen haben. Natürlich lebt diese Publikation von der Verblüffung unseres inneren Soziologen, der Reaktionen von Sittenwächtern und Kritikern früherer Zeiten serviert bekommt, auf die man nur belustigt oder entgeistert reagieren kann. Selbst Marcel Reich-Ranicki wilderte im fremden Metier und bezeichnete "Das Schweigen" von Ingmar Bergman angewidert als Film für "Notgeile". Man mag sich seine Entrüstung vorstellen, wenn er damals einen Blick in die Zukunft hätte wagen dürfen und "Shortbus" gesehen hätte. Doch was er schrieb, ist angenehm gemäßigt im Vergleich zu jenen, die gegen "Die Sünderin" protestierten oder Achternbuschs Jesusfilmchen verbieten lassen wollten, der wegen diesem von Innenminister Zimmermann angezettelten Schmarrn sein erfolgreichster wurde. Diese Filme waren Stadtgespräch, landeten auf der Titelseite von Heimatzeitungen, man sprach bei Kaffee und Kuchen darüber. Und heute? War "Basic Instinct", der ebenfalls ausführlich gewürdigt wird, tatsächlich ein skandalöser Film, abgesehen mal davon, dass er ein sauschlechter ist? Hat "Idioten" ähnliche Debatten nur im Ansatz ausgelöst? Skandale klassischer Ausprägung und nicht als Bestandteil eines viralen, über Bande spielenden Marketing sind heute weit gehend eine Sache von Experten geworden. Gegen welchen Film würden unsere Eltern und Tanten heute auf die Straße gehen, Kinos besetzen, Regisseuren gar benutztes Toilettenpapier schicken?
ALLES RICHTIG GEMACHT. Es gibt nichts, was man an diesem Buch kritisieren könnte: Die Auswahl der Filme ist schlüssig und erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, zumal sich Volk weit gehend auf die Rezeption in Deutschland beschränkt und kein wichtiges Werk mit tatsächlich skandalöser Wirkung über Cineastenkreise hinaus auslässt, von "Uhrwerk Orange" mal abgesehen (der natürlich nicht unerwähnt bleibt, aber eine nähere Betrachtung bleibt aus). Der deutschlandzentrierte Blick freilich lässt Raum für eine größer angelegte, filmwissenschaftliche Arbeit zur Skandalinszenierung in Europa und weltweit, denn was in Irland, den U.S.A. oder Italien, man denke nur an "Blue Velvet", zensurwürdig eingestuft wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wunderbar die Exzerpte aus Kritiken und Kommentaren von Zeitgenossen, erhellend auch die Portraits zu Regisseuren und Schauspielern. Veit Harlan ist drin, Rosa von Praunheim, "Peeping Tom", auch Mel Gibson darf nicht fehlen. So viel Erregungs- und Empörungspotenzial in einem einzigen Buch. Man lächelt bei der Lektüre. Und wundert sich.