Das Thema hat schon etwas Spannendes. Da denken wir immer nur an Uniformen, preußische Soldatenstiefel und vielleicht noch an ein früheres, deutsches Wirtschaftswunder zurück, wenn wir an die Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg denken. Und dann erfahren wir durch dieses Buch von einem Skandal in den höchsten Kreisen dieses militaristischen Reiches, der erst einmal nichts mit Militär, Macht und Politik zu tun hat, sondern mit Lust und Liebe. Denn was hier durch eine ganze Reihe von öffentlich gewordenen Briefen, einige Artikel in der Presse, eine Polizeiuntersuchung und eine Diskussion im Reichstag bekannt wurde, war nichts anderes als Promiskuität in der Ehe und gleichgeschlechtliche Liebe. So lernen wir aus diesem Buch vor allem, dass Menschen trotz aller monarchistischen Propaganda unabhängig von Stand, Herkunft und Geburtsjahr sich offenbar doch recht ähnlich sind. Eigentlich kein schlechter Weg, Vergangenheit zu verstehen. Vielleicht hat nicht zuletzt deshalb dieses Buch überraschend viele positive Besprechungen in der Presse erhalten.
Leider, leider bleibt dieses Buch aber bei der eigentlichen Schilderung der Vorgänge um die verdorbene "Party" im Jagdschloss Grunewald doch recht oberflächlich. Nur wenige der Teilnehmer werden wirklich biographisch beschrieben, und selbst bei diesen fehlen wesentliche, einfach zu ermittelnde Informationen, wie gelegentlich Lebensalter oder Zeitpunkt und Umstände einer Heirat, oft muss man sich Informationen über einzelne der Akteure quer durch das Buch zusammen suchen. Einige der Charakterisierungen sind auch noch den fraglichen Briefen entnommen, die in erpresserischer oder verleumderischer Absicht geschrieben wurden, also kaum als neutrales Urteil geeignet sind. Beim Lesen macht das Buch daher einen fahrigen Eindruck, oft auch noch durch Relativierungen im Text unterstützt. Wenn etwas nicht nachweisbar ist, also nur so oder so hätte sein können, wahrscheinlich oder "sicherlich" so war, sollte man sich doch überlegen, ob man es aus dem Text nicht einfach streicht.
Unbrauchbar waren für mich beim Lesen die Ausführungen zum Thema Ehre und Männlichkeit, insbesondere als es gegen Ende des Buches dann noch einen eigentlich zum Thema nicht passenden Kurzaufsatz zum Thema Sex und Faschismus gibt. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschten andere Zeiten. Dieser hat vieles verändert, Menschen waren nicht mehr die, die sie vor dem Krieg noch waren. Und diese Brücke zwischen den Ereignissen vom Ende des 19. Jahrhunderts zu den Katastrophen der Zeit nach 1933 ist mir doch etwas zu weit gespannt. So kann ich nur sagen, dass aus meiner Sicht eine gute Monographie über die die Skandale an Willhelms Hof noch geschrieben werden muss.