Zeit läuft nach unserer Auffassung immer nur in eine Richtung: von "hinten", aus der Vergangenheit kommend, nach "vorn", in die Zukunft - entlang des bildlichen Zeitstrahls.
Manchmal aber hält die Zeit auch an, macht Schleifen, geht rückwärts; die Uhr läuft verkehrt herum. Dies kann ein Zeichen dafür sein, dass die unsere, die patriarchal geprägte Welt aus den Angeln gehoben wird: durch die Präsenz des weiblichen, matriarchalen Elements. Mit dieser Idee spielt Alban Nikolai Herbst in der Sizilischen Reise. In Herbsts "Reisebericht" - mit wunderbaren Beschreibungen Siziliens - widerspricht die Zeit immer wieder dem normalen Empfinden. Vielleicht, "weil sich die Abstände historischer Ereignisse [auf Sizilien] verräumlichen, [...] weil da auch d i e s e [Zeit] festgestellt zu sein scheint". Auf dieser Insel prallen immerhin seit Jahrtausenden sämtliche Kulturen des Mittelmeerraums aufeinander, bekriegen, vermischen, verweben sich. Ebenso ihre Mythen.
Diese begegnen dem Leser in vielgestaltiger Form: in Landschaften, Sprachbildern, Figuren. Der Ich-Erzähler reist nach Sizilien, um dort seinen Freund Arndt zu treffen, der ihn um Hilfe bei der Ausführung eines Auftrages bittet. Noch bevor er auf Arndt trifft, begegnet er Frau Jördsdottir. Sie ist die Auftraggeberin Arndts, für die er 49 mythische Steine beschaffen soll, die dem Demeterkult zugehören und das Venussiegel bilden. Die Aura dieses ursprünglich kretischen Kultes zieht sich durch die gesamte Reise. Dem Reisenden begegnen eine Vielzahl Personen; oft sind in ihnen Mythos und Zeit verknüpft.
Schließlich trifft die Figur des Protagonisten auf seinen Schöpfer "Herbst", dem sie erst mit spontaner Abscheu, dann mit bemüht herablassender Haltung begegnet ("Welch ein Spinner!"). Mit dem Verstande nicht greifbar bleibt der Figur die Beziehung, in der sie zueinander stehen und welche Konsequenzen sich für sie daraus ableiten.
Es ist eine typische Spielart Herbst'scher Romangefüge, sowohl Figuren als auch Zeitebenen zu einem komplexen Netzwerk zu verweben. Die Matrix der Sizilischen Reise besteht neben der Verschleifung diverser, übereinander gelegter Zeitebenen aus der griechischer, germanischer, mesopotamischer und anderer Mythen. Gleiches geschieht den Genres: Krimi und Fantasy, Realbericht und Mythen werden miteinander verflochten.
Doch auch, wer das Buch nicht mit einschlägigen Nachschlagewerken über Mythologie in der anderen Hand lesen möchte - sprachlich ist es ein brilliantes Buch und garantiert hohen Genuss - opulent und barock in seinen Beschreibungen dieser uralten und wunderschönen Insel samt ihrer Bewohner.