Hier geht es nicht um schöne trattorie oder exklusive ristoranti, geschweige denn um abgelegene Badestrände. Dies ist das Buch eines Sizilianers über Sizilien, also seine Heimat, wie sie ist und wie sie war. Aber Heimat ist hier nicht eine Beschreibung oder Erinnerung an den Geburtsort, die Schule oder gar die erste Liebe. Sciascia erzählt mit aussergewöhnlicher Klarheit und einer ihm typischen einfachen, sehr, sehr intelligenten Sprache über Ereignisse, die, seiner Meinung nach, Sizilien zu dem machten, was es ist. Vielleicht könnte man sagen, er spannt einen Bogen, nein besser, stellen sie sich vor, er steht im Zentrum Siziliens, also in der geographischen Mitte und von dort wirft er ein Netz über das gesamte Land und die es umgebenden Meere. Was er dabei fischt, ans Land zieht, uns somit als Leser präsentiert, sind geschichtliche, räumliche, psychologische, und humorvolle Beschreibungen von Menschen und ihren Wirkungsstätten, von Aktionen und Reaktion und somit Schicksalen, die eben nur in Sizilien zu Realität werden konnten. Er erzählt uns die Kultur, oder besser die Entstehung der spezifischen menschlichen Kultur seiner Heimat, im Sinne all ihrer Nöte, Ängste, Hoffnungen, Errungenschaften und Niederlagen. Alle treten auf Sciascia's Bühne auf, die Großen und die Kleinen, die Guten und die Bösen, die Gewinner und die Verlierer, die Mächtigen und die Habenichte und er zeigt uns, daß dieses Karusell, welches sich im antiken Großgriechenland (Magna Graecia) zu drehen begann, sich unverändert, über die Jahrhunderte hindurch, bis in die Fünfzigerjahre dieses Jahrhunderts, als er dieses Buch schrieb, weiter drehte. Es hätte gar nicht anders kommen können und so wurde Sizilien zu dem was es ist. Schon alleine die geographischen und geophysischen Rahmenbedingungen, sprich eine Insel mit einem Vulkan in der Mitte der mediterranen Welt, sozusagen im Zentrum der Ströme und der Zeiten, ließen einfach gar nichts anderes zu. Leider kannte ich dieses Buch noch nicht als ich vor einiger Zeit in Sizilien war. Zumindest weiß ich jetzt, daß ich Sizilien nicht verstanden hatte, obwohl es jetzt, nach der Lektüre von "Mein Sizilien" doch so einfach gewesen wäre. Es geht, wie Sciascia schreibt, um den Zusammenschluß zwischen Personen gleichen Sinnes und Empfindens. Er schreibt dies im Zusammenhang mit der staatlichen sizilianischen Verfassung, aber ich nehme mir die Freiheit "Verfassung" als psychischen Zustand der Menschen Siziliens aufzufassen. Dies nur als letzten Punkt, Sciascia belehrt uns nicht, er sagt nicht, so ist es und so hast du es zu verstehen, er sagt einfach, so war es und erzählt uns dann seine eigene Interpretation der Zusammenhänge. Und in dieser Art ist Sciascia ist sehr, sehr großzügig, weil er uns als Leser sehr viel Raum läßt, uns unsere eigene Meinung über die Insel mit dem Vulkan zu finden.