Ich möchte diese Box einmal zum Anlass nehmen, Dampf abzulassen - und zwar über Curtis' Interpretationsansatz von Händel, wie er eindrucksvoll in den vorliegenden Opern zutage tritt. Gerade diese Box macht deutlich, wie erschreckend gleichförmig und lahm alles klingt. Das ist Händel für's Altenheim oder für den wissenschaftlichen Seziertisch einer musikalischen Hochschule! Es ist nahezu unerträglich, sich die Opern hintereinander anzuhören, ohne dabei einzuschlafen. Man kann eigentlich beliebig in diese Box hereingreifen und vielleicht noch anhand der Sängerbesetzung erkennen, um welche Oper es sich gerade handelt. Und dies ist umso erschreckender, wenn man bedenkt, wie Händel interpretiert werden kann (z.B. von Alessandrini, Banzo, Minkowski, Haim, Rousset, Jacobs etc.). Vergleichen Sie doch mal den "Rinaldo" unter Jacobs, den "Amadigi" unter Banzo oder den "Ariodante" unter Minkowski mit einer beliebigen Curtis-Aufnahme. Der Unterschied könnte deutlicher nicht ausfallen! Und es gibt noch mehr Ärgerliches, denn Curtis produziert auf drei Labeln (DGG, HM, Virgin) parallel, sodass es kaum Alternativen gibt. Im Schnitt blockiert aber jede Neuveröffentlichung eine weitere Neuaufnahme um 10 Jahre! Und das ist dramatisch: Vergleichen Sie mal den sterbenslangweiligen "Rodrigo" unter Curtis mit der Neuproduktion unter Banzo (in Frankreich bereits erschienen, in Deutschland wird er demnächst veröffentlicht!). So muss Händel klingen: flott, mitreißend, emotional und modern.
Noch kritischer muss man Curtis' Leistung beurteilen, wenn man bedenkt, was ihm für Sänger zur Verfügung stehen: Die Top-Stars der Barockszene müssen mit angezogener Handbremse singen und agieren. Auch hier lohnt ein direkter Vergleich: Hören Sie mal, über was für ein Ausdruckspektrum und Feuer Joyce DiDonato in ihrem Recital unter Rousset verfügt und vergleichen Sie das mal mit ihrer Leistung bei Curtis (z.B. in "Radamisto"). Von Feuer und Emotion bleibt da nicht mehr viel übrig... Ähnliches gilt übrigens für Vivica Genaux und Simone Kermes. Es ist ein Desaster, was hier für Möglichkeiten verschenkt worden sind.
Am schleierhaftesten ist mir aber vor allem, warum Curtis noch immer so viel Lob bekommt und so viel aufnehmen darf. Wie oft beginnt eine Rezension mit einer Einschränkung ("Curtis ist natürlich kein Minkowski, aber..."; "der etwas akademische Stil, trotzdem"; "trotz des Charakters einer Fließbandproduktion" etc.). Mir reicht es jedenfalls, zumal neben "Alcina" auch gleich noch der "Ezio" in der Curtis-Variante auf den Markt kommt. Dies wird aber die erste Händel-Oper sein, die ich mir aus Protest nicht kaufen werde - und das trotz der fantastischen Besetzung.
Fazit: Stoppt das Curtis-Fließband! Eine Produktion pro Jahr reicht doch nun wirklich, um die Curtis-Fans zufriedenzustellen. Ansonsten lasst doch auch mal andere Dirigenten mit den Top-Stars arbeiten. Aber für die bleiben - wenn überhaupt - nur noch die kleinen Labels (Chaconne, Naive) und weniger renomierte Sänger übrig. Schade eigentlich... Zwei Sterne gibt es aber zumindest für den Preis und die Aufmachung der Box!
So, nun bin ich mit meiner bewusst polemisch gehaltenen Curtis-Abrechnung fertig und freue mich auf konstruktive Beiträge. Vielleicht verstehe ja nur ich Curtis einfach nicht...