Kurzbeschreibung
Coupey hat die Lehren Meister Deshimarus während der Sommersesshin in Val d'Isère 1978 aufgezeichnet. Geht es in "Die Stimme des Tales" (Kristkeitz Verlag) noch um eine ausgezeichnete Darstellung des Themas Karma, behandelt Deshimaru hier den Unterschied zwischen Rinzai- und Soto-Zen. Prägnant, amüsant, mit vielen Anekdoten und Rückgriffen auf historische Begebenheiten. Dabei kristallisiert sich mehr und mehr ein alternatives Erziehungsmodell für den Menschen heraus. Mit ausführlichem Glossar, einer Einleitung von Philippe Coupey, dem Zen-Lehrer und Deshimaru-Schüler, sowie zwei Abstammungslinien.
Auszug aus Sitzender Drache. Lehren von Meister Deshimaru. von Taisen Deshimaru und Philippe Coupey. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der Laie P'angFrage: Was halten Sie von dem Laien P'ang?
Meister: Wer?
Frage: Kennen Sie denn nicht den Laien P'ang? Dogen hat über ihn geschrieben.
Meister: Ich kenne Dogens Schriften. Es muss an Ihrer Aussprache liegen.
Frage: Dogen hat geschrieben, dass der Laie P'ang ein Spinner war.
Meister: Ein Spinner?
Philippe Coupey (unterbricht): Sensei, diese Frau bezieht sich auf ein Buch mit dem Titel "Ein Mensch des Zen". Es handelt von einem chinesischen buddhistischen Laien, der P'ang hieß und der dafür berühmt ist, dass er all seinen Besitz - sein ganzes Geld und seine Möbel - auf ein Schiff brachte, das er in der Mitte eines Sees versank. Dann ging er betteln.
Meister: Ja, jetzt verstehe ich. Nein, Dogen bewunderte P'ang. Diese Geschichte über P'ang hat mich auch beeindruckt. Jetzt erinnere ich mich daran. Philippe Coupey hat es mir genau erklärt und jetzt weiß ich, wen Sie meinen. P'ang ist nie Mönch geworden. Er erhielt die Bodhisattva-Ordination. Und davor war er ein großer Gouverneur und sehr reich gewesen. Aber er fuhr mit seiner Zazen-Praxis fort und machte immer Körbe aus Bambus. "Sie haben so viel Geld", sagten die Leute immer zu P'ang, "Sie sollten etwas davon dem Tempel als Fuse geben. Sie müssen den Armen helfen." - "Nein, nein, nein", antwortete dann P'ang. Und schließlich nahm er sein ganzes Geld und seinen Besitz und warf alles in den Ozean. Interessant, nicht wahr? Die Leute wollen immer geben, geben, geben. Doch er war sogar darüber hinaus. Und so sagten, nachdem er sein ganzes Vermögen weggeworfen hatte, die Leute zu ihm: "Was Sie da getan haben, ist überhaupt nicht sinnvoll gewesen! Warum haben Sie das getan?" - "Weil ich andere nicht verderben will. Ich habe es dem Tempel nicht gegeben, weil ich die Mönche nicht verderben wollte; und ich habe es nicht den Armen gegeben, weil ich auch sie nicht verderben wollte." Also deshalb warf P'ang sein Vermögen auf den Grund des Ozeans. Das ist sehr tiefgründig. Es ist historisch. Als P'ang ein Kind war, fiel einer seiner Kameraden in einen riesigen Wasserbehälter. Das Kind begann zu ertrinken und keines der anderen Kinder konnte schwimmen, keines wusste, was es tun sollte. Was hätten Sie getan? P'ang hat den Behälter mit einem großen Gesteinsbrocken aufgebrochen und das Kind war gerettet. Der Behälter war sehr teuer und riesig und enthielt eine Menge Wasser, aber was P'ang tat war weise. Das ist ein tiefes Koan. Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Aufbrechen dieses Wassertanks und dem Versenken seines Vermögens im Wasser. Es ist ein tiefes Koan. Wie dem auch sei, Geschenke tun den Menschen manchmal nicht gut. "Man muss den Armen helfen. Helft den Hippies; sie sind zum Erbarmen, helft doch, helft doch." Ja, P'angs Erziehung war tief ... Manchmal ist eine Ohrfeige besser. Noch eine Frage?