Die "Sitcom" meint Situationskomödie und ist eine Unterhaltungssendung, die im amerikanischen Hörfunk der 30er Jahre ihren Ursprung hatte und später vom Fernsehen adaptiert wurde.
Meist als Serie ausgestrahlt, ist die humorvolle Auseinandersetzung mit Alltagssituationen, extrem beliebt. Es herrscht eine ständige und schnelle Abfolge von mehr oder weniger geglückten Gags, Pointen und komischen Momenten, eingebettet meistens in einer eher dramatischen Familiengeschichte. Besonders beliebt und gehasst sind die noch zusätzlich eingesetzten Lachkanonen, damit der Zuschauer ja auch weiss, wo er zu lachen hat.
Francois Ozon muss bekennender Fan von Pedro Almodovar sein, auch die Werke von Luis Bunuel müssen faszinierend für ihn sein. Dies gemischt mit dem Faible für Trash und den Schund unserer heutigen TV- und Kinowelt gaben die Richtung seines 1998 gedrehten Debüts vor.
Daher fällt Ozons Version der "Sitcom" schon viel provokativer aus als seine Vorbilder " um möglichst viele Menschen anzusprechen, wirft man
oft alles aus der Sitcom raus, was missfallen könnte. Der kleinste
gemeinsame Nenner wird angestrebt, alles wird entschärft: bloß keine Grenzen überschreiten. Mir dagegen macht es Spaß, Konflikte aufzudecken und den Zuschauer kräftig zu rütteln!
Daher ist seine dargestellte Familie schon viel schräger und richtig schön krank und neurotisch:
Papa Jean (Francois Marthouret) kommt nach Hause, er schliesst die Tür des Hauses und drinnen ertönen entzückend liebreizende Gesangstimmen, die "Zum Geburtstag viel Glück" anstimmen. Dann hört man wie eine Pistole ballert. Jean hat seine gesammte Familie kalt gemacht. In einer Rückblende wird die schrecklich nette Familie vorgestellt: Papa Jean war immer der Betrachter, der besonnene Geist der Familie, seine Lieben nehmen aber eher wahr, dass er völlig desinteressiert und unbeteiligt registriert, was die Nöte der Familie sind.
Aber immerhin hat er eine Laborratte mit nach Hause gebracht, die fortan das Haustier ist.
Sohn Nicolas (Adrien de Van) verkündet bei einem Abendessen, dass er schwul ist und mutiert vom Musterschüler und Müstersohn zum Gruppensexveranstalter in seinem kleinen Zimmer.
Tochter Sophie (Marina de Van) sollte eigentlich mit einem gutaussehenden und sexuell aktiven Freund wie David (Stephane Rideau) glücklich sein, aber die neurotische Frau hat Selbstmordgedanken.
Mutti (Evelyne Dandry) ist dominant und versucht mit eher unkoventionellen Mitteln ihren Sohnemann vom Laster zu heilen.
Da wären noch die gutaussehende, aber faule Haushälterin Maria (Luica Sanchez) und ihr Mann Abdu ( Jules-Emmanuel Eyoum Deido), der sich durch seine Arbeit als Jugendtrainer prädestiniert fühlt junge Menschen zum Sport zu führen und plötzlich auch ein gesteigertes Interesse hat den Sohn der Familie wieder aufs richtige Gleis zu bringen.
Keine Frage: In dieser Familie läuft es derzeit alles Andere als rund...
Ozon zeigt bereits in seinem Erstling ein gutes Händchen für schwarzes, abartigen Humor und riskiert auch viele Tabubrüche, die tatsächlich an das respektlose Kino des frühen Almodovar erinnert.
Die klare Handschrift des Regisseurs ist in diesem Bürgerschreck-Theatre bereits angelegt, vielleicht alles für Otto Normalverbraucher eine Nuance "too much", denn wenn diese Handlung in einem Drama ablaufen würde, dann wäre es wohl ein Skandalfilm...grins.