Der Meinung, dass Karl Mays Werk ein unerschöpfliches Chaos von Kitsch & Absurditäten ist, kann ich uneingeschränkt zustimmen. Es werden triviale Klischees über Rassen, Völker, Berufe, die Geschlechter etc. als große Weisheiten dargestellt, dass einem empfindlicheren Leser Übel wird. Interessant ist Karl Mays Werk allerdings wegen seiner großen Massenwirkung und auch wegen seines vielleicht berühmtesten Fans, nämlich Adolf Hitler, der unfassbarerweise im Jahr 1944 seinem Generalstab Karl Mays Winnetou" zur Steigerung der Kreativität in Sachen Kriegstaktik schenkte. Leider trägt "Sitara und der Weg dorthin" von Arno Schmidt nichts zur Erklärung des Phänomens Karl May bei, ja insgesamt ist festzustellen, dass Schmidts Ausführungen zu keinerlei Erkenntnisgewinn führen, weder bezüglich der Person Karl May noch zu seinem Werk oder dessen Wirkung. Sitara und der Weg dorthin" ist vielmehr eine völlig skurrile, kabaretthaft entgleisende Verrücktheit, die auf einer lächerlich primitiven und laienhaften Adaptation von psychoanalytischen Ideen beruht, die Schmidt in seinem allseits bekannten Größenwahn zur Etym-Theorie und der Theorie der Abbildung von Organen im Text aufbläst. Auf Details einzugehen ist schwierig, aber Schmidt glaubt beispielsweise allen Ernstes, dass vermeintlich aufgefundene Abbildungen von Gesäßen oder des Anal-Bereiches zwingend auf Karl Mays unterdrückte homosexuelle Antriebe weisen müssten. Allein diese Schlüsse richten sich von selbst und zeigen nur, welch unsinnige Vorstellungen Schmidt von Homosexualität hatte. Interessanter in diesem Zusammenhang wäre die Analyse der Beziehung zwischen dem homosexuellen Sascha Schneider, der für einige Buchdeckel-Illustrationen von Karl Mays Büchern sorgte, und der Person Karl May. Interessant wäre auch eine Analyse der zwei Ehen von Karl May, beziehungsweise der Beziehung der beiden Ehefrauen zu einander, denn die beiden waren befreundet und es wird ihnen gelegentlich ein lesbisch-intimes Verhältnis nachgesagt. Selbst wenn man das Buch humoristisch auffassen möchte, verliert es für mich spätestens nach 50-60 Seiten seinen Lach-Reiz, weil sich das Grundprinzip der Erheiterung monomanisch nur permanent wiederholt. Arno Schmidt ist in literarischer Hinsicht selbstverständlich eine völlig andere Kategorie als Karl May und vielleicht liest manche/r das Buch, um Arno Schmidt näher kennenzulernen. Und ja: in diesem Buch erfährt man wesentlich mehr über Arno Schmidt und seine Denkweise als über Karl May und seine Texte. Ich denke allerdings, dass das Licht, das auf Schmidt fällt, ein überaus peinliches Bild entstehen lässt, und bei mir aus einer gewissen Grundsympathie für Arno Schmidt zu etwas führt, was man "Fremdschämen" nennt.