Nach Kari-Ann Muller, Grace Jones, Marilyn Cole, Constanze Karoli und Eveline Grunwald, blickte 1975 die damals aktuelle Ferry Gespielin Jerry Hall, dem Hörer als Sirene vom Cover entgegen. Es sollte die letzte Roxy Music Studioplatte für 4 Jahre (eine sehr lange Zeit in den Veröffentlichungszyklen der 70er gerechnet) sein. Roxy Fans mussten allerdings in diesen 4 Jahren trotzdem nicht darben, denn neben dem Live Album Viva! Entsanden in dieser Bandpause immerhin noch 3 Bryan Ferry Soloalben oft mit tatkräftiger Unterstützung der Bandkollegen.
Siren selbst beendet aber eigentlich die zweite Schaffensphase der Band, also die post-Eno Phase und oberflächlich klingt das Album schon ein wenig wie ein Übergangswerk, hin zum glatten Pop der letzten 3 Alben. Das täuscht allerdings, denn es mögen hier gefälligere Arrangements und sounds verwendet werden, aber die eigenartigen Harmoniewechsel und Melodien die den typischen Roxy Sound ausmachten sind nach wie vor vorhanden und werden rhythmisch um sehr viel Funk-Einflüsse erweitert.
Schon der opener ,Love Is The Drug', der spätestens nach Grace Jones' cover Version ein Disco Klassiker wurde, präsentiert sich extrem tanzbar und Ferry's blasiert-gelangweilte Stimme bei den Strophen passt perfekt zur Stimmung dieses songs.
,End Of The Line' klingt dann aber sehr country-dylanhaft und ist eigentlich der Ausreisser dieser Platte. Ich denke das war Ferry bewusst, weswegen er hier wohl auch eine Mundharmonika einsetzte. Psychdelisch-proggig beginnt ,Sentimental Fool', aus dem sich aber langsam eine zuerst unheilschwangere Ballade und dann ein zunehmend funkier werdender Pop track schält - eigentlich ganz großes Kino. Mackays Saxophon Solo sorgt noch für den nötigen Glam-Rock Bezug. Der melodische Aufbau ist sowieso sehr interessant und ungewöhnlich, ebenso wie das abrupte Ende.
,Whirlwind' beginnt mit eigentlich punkiger Gitarre und einer Melodie die an ,Do The Strand' erinnert - zappeliger, leicht schräger Glamrock eben, mit einem tollen Manzanera Solo.
,She Sells' wird anfänglich von Klavier power chords getragen die beim instrumentalen Refrain von einem funkig gespielten Klavinett abgelöst werden, bevor Rhythmusbruch und Tempowechsel den song gegen Ende fast schwelgerisch werden lassen. ,Could It Happen To Me' ist ein typischer Ferry Bar-crooner song, sehr sexy, sehr charmant und wie immer ,very phoney' klingend.
Die Cinemascope Breitwand-Sound Orgie ,Both Ends Burning', die so discomäßig groovt und trotzdem immer noch viel Rock'n'Roll in sich trägt wurde zurecht einer der ganz großen Roxy Klassiker. Alleine dem Rhythmus dieses songs kann man sich kaum entziehen (die layers mit denen Eddie Jobson hier an den synthies glänzt kamen nur wenige Wochen nach Giorgio Moroder's ,Love To Love You Baby'!) und Bowie und Eno haben bei diesem song wohl auch ganz genau hingehört für ihre Berlin Alben.
Danach folgt das wunderschön geflangte Gitarrenintro von ,Nightingale' das dann rhythmisch zwar auch funky, aber deutlich ruppiger rüberkommt. Die Geigen und Mackays Oboen fill-in geben dem song dann noch das gewisse Etwas. Hervorragend hier übrigens - so wie auf der ganzen Platte - die dynamische Spielweise von drummer Paul Thompson die viel zur Dramatik dieser Platte beiträgt.
Das epische ,Just Another High' beendet diese Platte kompositorisch dann vielleicht nicht ganz so würdig aber nach den 8 songperlen davor verzeiht man ihnen das locker, zumal das klanglich an eine Sitar erinnernde Gitarrensolo noch einen schönen Farbtupfer draufsetzt.
Siren ist zweifellos eines der Meisterwerke der Band, denn wie selbstverständlich Sie hier Pop, Disco, Funk und Prog verbinden und es schaffen kommerziell und anspruchsvoll gelichzeitig zu sein, das konnten damals nicht viele. Wichtige Platte die wohl viele nachkommende acts geprägt und beeinflusst hat (ich sag' mal von Japan über Human League bis zu Ultravox und den Pet Shop Boys).