2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Besprechung von Koni Loeppe in: PS - die linke Zürcher Zeitung, No 26/6, 06.Juli 2006, S. 8:, 11. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Sintemalen (Taschenbuch)
«Sintemalen» berichtet, wie eine Sekte das Leben eines Mitglieds lange nach der Verstossung noch prägt und die verhasste Gemeinschaft dennoch ein Ort des Heimwehs bleiben kann. Der Roman von Elisabeth Altenweger ist zugleich eine generelle Religionskritik.
Der erste Roman Elisabeth Altenwegers ist explizit keine Autobiographie, obwohl einiges passt. Sie wuchs in einem Brüderverein auf, sie ist wie die Titelfigur fünfzig Jahre alt und sie hat - zumindest lässt der Roman diesen Schluss zu - nicht viel am Hut mit Religionen aller Art. Sie schildert eingehend Religion in ihrer fundamentalistischen Ausprägung - wie sie in der Schweiz typisch für das Emmental oder das Zürcher Oberland war und auch noch ist.
Isoliert
«Im Brüderverein war es untersagt, dass sich ein Mann und Frau in einem geschlossenen Zimmer aufhielten, ausser sie waren verheiratet. Es ist ihr auch noch heute unmöglich, gegen dieses Verbot zu verstossen. Tut sie es doch, kriegt sie Panik, keine Luft, Atemnot, Zustände.» Zustände bekommt Susanne, eine 50-jährige Frau, die mit ihrem Lebensgefährten und den zwei Töchtern gerade von der Stadt aufs Land in ein Eigenheim zog. Grund für die aktuelle Panik ist Stefan Jordi, der Gemeindepfarrer und Nachbar, der bereits am ersten Tag mit ihr und der Familie Duzis machte. Er gehört zur Sorte moderner Pfarrherren, die sich sehr liberal geben und gleichzeitig das fehlende Distanzgefühl der alten Schule aufrecht erhalten. Dass man mit ihm nicht über Theologie diskutieren will, oder dass weder seine Ansichten noch seine nachbarschaftliche Nähe erwünscht ist, kommt ihm nicht einmal in den Sinn. Und da Susanne schlecht gelernt hat, sehr direkt nein zu sagen, lässt sie ihn herein, öffnet das Fenster und raucht. Sie öffnet im folgenden die Türe öfters nicht, dennoch muss sie immer wieder mit dem Pfarrer reden. Susanne ist auf den ersten Blick eine selbständige Frau. Sie arbeitet im Kleinverlag ihres Lebensgefährten Till als Lektorin, den Haushalt erledigen sie gemeinsam. Die beiden Töchter leben noch zu Hause. Die Zugehörigkeit der älteren Tochter, die ein Theologiestudium beginnt, zu «New Life», macht ihr wesentlich mehr als das erste Knutschen der Jüngeren mit dem Pfarrerssohn zu schaffen. Hinter ihrer Funktionalität und ihrem Wohlsein verbirgt sich eine grosse Isolation. Sie, die nach ihrem Ausschluss aus dem Brüderverein jahrelang fast mit niemandem auch nur ein paar Worte sprach, hat auch heute noch sehr wenige Beziehungen. Eigentlich verkehrt sie nur mit ihrer Familie.
Heimweh
Es trifft sie enorm, als ins andere Nachbarhaus Angehörige ihres ehemaligen Brüdervereins einziehen. Das Evangelistenpaar (ihr Vater war Evangelist) kennt sie bestens, sie und Judith betrachteten sich bis zu ihrem Ausschluss wegen eines Haareabschneidens als beste Freundinnen. Sie platzt einerseits fast vor Wut, dass der Brüderverein ihr Nachbar wird, anderseits erinnert sie sich daran, dass ihre Jugend auch viel Geborgenheit und Heimat kannte. Als Judith sich ihr freundlich nähert, gewinnt die Sehnsucht nach Menschen, die sie als Kind kannte, die Oberhand, sie pflegt eine alte Brüdervereinsfrau und geht geheim an die Weihnachtsfeier; wo es zur Katastrophe kommt, als sie realisiert, dass die Freundlichkeit nur Mittel zum Missionarszweck war.
Brutal
Rein literarisch gesehen, arbeitet Elisabeth Altenweger etwas gar viel mit Wiederholungen des Alltags. Die Alltäglichkeit bereitet aber gleichzeitig den Boden für die Abrechnung. Es ist - auch wenn der Schluss auch versöhnlich gedeutet werden kann eine bitterböse Bilanz über fundamentalistische, streckenweise aber auch über gemässigte Religion. Die Autorin schildert den Machtanspruch der Religion im Alltag sehr eindrücklich. Es ist inhaltlich ein eindrückliches Buch und zeigt das religiöse Zerstörungspotenzial einleuchtend. Ein Roman, der zumindest bei mir antireligiöse Gefühle weckte, die ich längst begraben glaubte.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein