Ein ungewöhnliches Werk für Clint Eastwood im Jahre 1972: Er war ein Star und Künstler in der Entwicklung, und zwar in einer damals schon beachtlichen Entwicklung. Viele seiner Filme aus dieser Zeit haben Ecken, Kanten, immense Stärken, teils aber auch deutliche Schwächen. "Sinola" hingegen ist "nur gut". Er präsentiert ein paar urtypische Eastwoodmomente sardonischer Coolness, kombiniert dies mit einer ordentlichen Geschichte und schönen Fotografie und kann gut unterhalten, aber war für Eastwood im Grunde Stillstand. Immerhin, so perfekt Eastwood mit dem Colt und den sorg- und sparsam platzierten Sprüchen ist, so unperfekt ist er hier im Taktieren. Nachdem er zunächst den typischen unangepassten Individualisten gibt, entschließt er sich dennoch, sich einer Posse anzuschließen (um zu rächen, dass die Gejagten einen Freund fast zu Tode geprügelt haben). Dann muss er aber merken, mit einem Haufen durchgeknallter Brutalos zu reiten, angeführt von einem eiskalten Killer, dem es lediglich um seine Grundstücksgeschäfte geht. Ein paar Spanier, die Ansprüche auf das Land durchsetzen wollen, stören da nur und sollen unter fadenscheiniger Rechtfertigung aus dem Weg geräumt werden. Der unterschätzte Robert Duvall spielt Eastwoods Gegner mit charismatischer, aber auch grimmiger Boshaftigkeit sehr überzeugend. Doch ist das letztlich nichts gegen die wesentlich ausgefeiltere Geschichte um Coy LaHood (
Pale Rider - Der namenlose Reiter, 1985), dem ein paar Goldschürfer im Wege sind und denen Eastwoods Namenloser Reiter in dem späteren Film beistand.
Dass "Sinola" trotz fehlender Schwächen nicht so richtig zünden kann, mag an einem Mix aus verschiedenen Einflüssen liegen. Die Regie stammt von John Sturges, zu der Zeit schon ein Veteran im positiven Sinne. Wenn er ein ums andere Mal die imposante Kulisse bei strahlendem Sonnenschein in extremer Totale zeigt und die Menschen ganz klein darin positioniert, erinnert dies sowohl an William Wylers
Weites Land als auch an Sturges eigene prachtvolle Panoramen, etwa in der Westernkomödie
Vierzig Wagen westwärts oder in dem grimmigen Beinahe-Western
Stadt in Angst. Wo Leone Country deutlich karger war, setzt Sturges auf Pracht. Doch finden wir hier bereits gewisse Hell-Dunkel-Gegenlicht-Gegensätze, die für spätere Eastwoods und seinen bereits hier tätigen Kameramann Bruce Surtees kennzeichnend sind. Und wenn die Panoramen mit extremen Close-Ups kombiniert werden, auf denen man nur die zusammengekniffenen Augen Eastwoods sieht, so ist dies eine direkte Reminiszenz an Sergio Leone und den Italowestern, aus dem Eastwood kam.
Aus dem ist vielleicht auch die bedauerliche Tatsache übernommen, dass Frauen hier nichts zu sagen haben. Eine kann man beschützen, eine andere ist willig und lässt sich nur allzu gern von Eastwood küssen, obwohl sie eigentlich Duvalls Freundin ist. Wären beider Rollen nicht so arg klein, könnte man in ihnen wieder einmal die Liebende und die Libidinöse sehen (dass Eastwoodcharaktere der späten Sechziger und frühen Siebziger mit diesen beiden Frauentypen konfrontiert werden, ist ein interessanter Gedanke, den ich einem Aufsatz von Roman Mauer in dem Buch
Clint Eastwood (Film-Konzepte 8) zu verdanken habe). Aber letztlich sind Frauen hier nur Staffage. Dennoch, als grundsolide Unerhaltung ist der Film sehenswert. Und am Schluss wenigstens hat er ein hübsch irres Bild. Eastwood ist mit dem Zug in diverse Häuser der Stadt hineingebrettert und bis zum Gerichtsgebäude durchgedrungen. Plötzlich dreht sich der Richterstuhl - und schön bedrohlich in leichter Aufsicht fotografiert, sitzt dort Eastwood mit schwarzem Hut, grimmigem Blick und gezückter Waffe. Das Weitwinkelobjektiv und die Kameraposition gönnen ihm die ganze Macht des Richtertisches, der sich groß im Vordergrund abhebt und das gesamte Cinemascopebild durchmisst. Und dann gehen der Richter und sein Henker in Personalunion an die Arbeit.