Es ist durchaus seltsam, die denkwürdige Lebensgeschichte des jüngeren Bruders in einem Buch zu finden. Noch berührender wird es, wenn man die Schauplätze kennt - zumindest jene aus der Kindheit des Bruders. Ich kenne die Gassen und Plätze und weiß, wie sie im Winter aussehen und wie im Sommer und welche Plätze ihre geheime Magie haben und still und geduldig dazu einladen, sich niederzulassen und zu trinken.
Ich kenne die Schlichtheit der Verführung, von der er im Buch erzählt und ich kenne die Hartnäckigkeit, mit der einem der Alkohol zuflüstert, dass man in ihm und durch ihn Sinn finden kann.
Und um Sinnsuche geht es im Buch von Johannes Nathschläger. Ich weiß nichts von Logotherapie; mein Weg vom Alkohol weg war anders und weit weniger dramatisch und deshalb auch weit weniger berichtenswert. Was mir im Buch aufgefallen ist und was mich persönlich stark berührt hat ist, dass es völlig ohne weinerlicher Bauchnabelschau auskommt. Die Sprache ist direkt, bestechlich genau, präzise wie ein Skalpell; die Gedankengänge in sich schlüssig. Dieses nach dem eigenen Körper treten (Alkohol) und ihn doch zu lieben (laufen) als Symbol für die Hassliebe, einen Sinn suchen zu müssen? Sinnsuche als Lebensinhalt? Gut getroffen finde ich. Es ist die Wahrhaftigkeit, mit der hier erzählt wird, wie man von der Sinnsuche in die Sucht fallen kann, und von dort nur einen schlierigen, steilen Weg zurück findet. Zurück wohin? Das Leben muss einfach voll sein, um dem Alkohol, den Drogen, dem was weiß ich, keinen Platz zu bieten. Alkohol, Sucht nistet dort, wo sonst nichts ist, das verdrängen kann. Fusel ist der billigste Kit um Leere aufzuspachteln.
Einen Punkt Abzug gibt es, weil das Buch an manchen Stellen in sich unschlüssig wirkt, ob es nun Biographie, Beichte, wissenschaftliche Abhandlung oder Philosophie sein möchte. Da fehlt noch die erzählerische Balance.
Das Buch ist für jeden empfehlenswert, der schon einmal diese merkwürdige Leere empfunden hat, die sich mit Alkohol und Selbstmitleid wunderbar verstopfen lässt. Und mehr kann Alkohol, mehr kann keine Droge: verstopfen, die Erde ringsum verseuchen. Das Buch ist schlussendlich tröstlich und lehrreich, ohne all zu belehrend daherzukommen.
Grade 4 Sterne :-)