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Produktinformation
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Robert Menasses Erstling «Sinnliche Gewissheit», neu aufgelegt
Ein formschönes Ganzes wird man diesen Roman, der 1988 erstmals veröffentlicht wurde, kaum nennen können: dazu sind die (beachtlichen) Kräfte, die in ihm wirken, zu zentrifugal ausgerichtet eine Orientierung, die mancher als Orientierungslosigkeit (miss)verstehen mag. Schroff und ungegliedert reiht der Text Episoden aneinander, die nicht sanft ausschwingen, sondern brüsk abbrechen.
Der Held heisst wie die Gattung: Roman, ist 30 Jahre alt, Germanist, und gibt an der Universität von São Paulo, Brasilien, deutschen Sprachunterricht. In seiner grosszügig bemessenen Freizeit frequentiert er die einschlägigen Lokalitäten, in denen wie in der Bar jeder Hoffnung weniger Portugiesisch als Österreichisch parliert wird. Der Blick des Ich-Erzählers auf seine weltläufigen Landsleute ist von grösster Reserve geprägt: Windige Gestalten sind das allesamt, Spekulanten, Sextouristen, Glücksritter. (Ein ganz ähnlich strukturierter Roman könnte heute in Dresden oder Leipzig spielen, und das Personal stammte aus Westdeutschland.)
Die Amouren des Helden entwickeln sich nicht zum «Roman», sie bleiben beiläufig, fragmentarisch, sprunghaft wie die erzählerische Bewegung des Romans. Überhaupt findet keine Entwicklung statt in dieser Geschichte eines 30jährigen, sie wird sogar ausdrücklich negiert und ins Gegenteil verkehrt: einen «Rückentwicklungsroman» nennt Roman sein literarisches Projekt, einen umgedrehten Entwicklungsroman, «der am Beispiel eines Individuums zeigt, wie dessen Hoffnungen, Fähigkeiten, Talente, während er redlich strebend sich bemüht, dazu verurteilt sind, zu verkümmern und sofern er sie nicht vergisst zu banalen, durchschnittlichen Idiosynkrasien werden, mit denen er seinen Alltag meistert, oder auch nicht, der lediglich an Beliebigkeiten unendlich reich ist».
In der Tat spiegelt dieser autoprogrammatische Passus den Charakter des Romans: ein wenig umständlich, sperrig, nicht immer sehr elegant, prononciert pessimistisch, aber wahrhaftig im Detail und eben «an Beliebigkeiten unendlich reich». Das ist nicht abwertend gemeint: Deutlich vermittelt sich der Vorsatz des damals noch jungen (1954 geborenen) Autors Robert Menasse, dem ganz und gar entfremdeten Alltag seines Helden keine Bedeutung aufzubürden, die ihm nicht entspräche. Die trivialen Vorkommnisse, all die Kneipenbesuche und Thekengespräche des Romans sind «beliebig», ohne dass der Held imstande wäre wie etwa der Autor eines nouveau roman , den «Reichtum» dieser Zufällig- und Beliebigkeiten wirklich zu geniessen.
Reich ist auch das philosophische und literarische Referenzsystem des Romans, und auch darin liegt eine gewisse Beliebigkeit: Hegel und Kleist, Novalis und Benjamin und etliche andere haben Pate gestanden freilich nicht, um irgendein «Geschichtsziel» zu proklamieren (um das Paradies von hinten herum zu erreichen), sondern um diesem Ziel feierlich und endgültig abzuschwören. Über die «sinnliche Gewissheit», nach Hegel die erste Stufe der Selbstbewusstwerdung des Menschen, heisst es, sei die Gattung nicht hinausgekommen. Aber auch diese (allzu) kühne These sollte der Menasse-Leser tunlichst nicht überbewerten. Er weiss schliesslich: «In wissenschaftlichen Untersuchungen und in Bars behaupten wir alles mögliche.»
Martin Krumbholz
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Menasse schließt mit diesem Roman an „Selige Zeiten, Brüchige Welt" an. Wer diesen Roman bereits gelesen hat, erkennt viele Figuren wieder, erkennt auch die verschiedenen Ansichten, die sie haben und wie sie in den Anschauungen wechseln. Damit ist er leider nicht so unterhaltsam wie „Selige Zeiten, brüchige Welt", sondern schwerere Kost, die manchmal auch zu Längen neigt. Menasse verfolgt weiter seine „Phänomenalisierung der Entgeisterung", was aber bei Nichtkundigen zeitweise dann etwas mühsam wird.
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