Aus der Amazon.de-Redaktion
Dies ist ein schweres, aber kein schwieriges Buch. Tatsächlich wiegt
Der Sinn der Sinne einiges mehr als ein Buch vergleichbarer Größe, wodurch es einzigartig gut in der Hand liegt. Allein für das Design also verdient dieses Prachtstück aus der
Anderen Bibliothek einige Sonderpunkte. Auf den Innenseiten des Einbands finden wir zudem ein Bildschirmfoto des Papstes, entnommen aus einer Sendung des Bayerischen (!) Fernsehens. Was zunächst nur nach einem billigen Trick aussieht, erscheint nach der Lektüre von Jochen Hörischs Mediengeschichte nur konsequent, lässt sich diese Geschichte doch nach Ansicht des Autors auf den Dreischritt "Hostie -- Münze -- CD-Rom" verkürzen.
Damit sind nicht nur die zentralen Medien der westlichen Kultur vom Beginn des Christentums bis zum Internet genannt, sondern auch die Organisation des Sinnes und der Sinne, die diesen Medien eigen ist. Die Hostie dient der Kommunikation als Kommunion mit Gott, die Münze dem freien Tausch und Austausch von Waren und Bedeutungen als Zeichen, während die schillernden Scheiben der digitalen Kultur Information, Sinn und Bedeutung auf die Differenz des binären Kodes "0-1" reduzieren. Und während Hostie und Münze die Sinne im Glauben an einen Sinn zu bändigen versuchten -- sei es an Gott oder aber an den schnöden Mammon --, liegt der Sinn der elektronischen Medienkultur allein in ihren sinnlichen Effekten: Die Medien als Massage.
Seriöse Kommunikationswissenschaftler und gestandene Germanisten werden eher irritiert auf Hörischs Rundumschlag reagieren, denn der Autor hat sich bemüht ein flottes, unterhaltsames Buch zu schreiben, mit vielen, fett hervorgehobenen Schlagworten. Mit Gusto setzt Hörisch auf Provokation, eingängige Polemik und unterfüttert das Ganze mit einer Fülle zahlreicher Details aus Literatur- und Kulturgeschichte. Daher empfiehlt sich der Band auch mehr als äußerst reichhaltiges Kompendium für geisteswissenschaftliche Grenzgänger und Lustleser, die auch bereit sind, den (nicht immer überzeugenden) Wortwitz des Autoren zumindest noch sinnlich anregend zu finden. --Peter Schneck
Neue Zürcher Zeitung
Sinn und Sinnlichkeit
Jochen Hörischs Medientheorie
«Sinn», schreibt Hegel in seinen Ästhetik-Vorlesungen einmal, «Sinn nämlich ist dies wunderbare Wort, welches selbst in zwei entgegengesetzten Bedeutungen gebraucht wird. Einmal bezeichnet es die Organe der unmittelbaren Auffassung, das andere Mal aber heissen wir Sinn: die Bedeutung, den Gedanken, das Allgemeine der Sache. Und so bezieht sich der Sinn einerseits auf das unmittelbar Äusserliche der Existenz, andererseits auf das innere Wesen derselben.» Wer will, kann diese Sentenz als Keimzelle der Hörisch'schen Medientheorie lesen. Weshalb sie wohl nicht zufällig als bildete sie seine Eingangspforte das erste Zitat dieses Buches stellt. Weit mehr nur als ein «wunderbares Wort» nämlich gilt Jochen Hörisch «Sinn» durchaus als möglicher Leitfaden einer Mediengeschichte schlechthin. Zwar beeilt sich der Autor, anzufügen, dass die «Unterscheidung zwischen Sinn und Sinne» nicht «die», sondern «eine» mögliche Ordnung «in medienanalytischer und -historischer Hinsicht» stifte. Eine Bescheidung, die vielleicht aber auch damit zu tun haben mag, dass ein konsistenter Begriff von Medien bisher nicht in Sicht ist. Gleichwohl birgt die Äquivokation des «Sinns» das ganze Malaise in der Geschichte der Medien überhaupt.
Durch sie nämlich geht ein Bruch, der sie nachgerade nach Art des Marx'schen Klassenkampfes durch einen Antagonismus markiert, dessen logische Stadien als mediengeschichtliche Stationen lesbar werden. Der Sinn und die Sinne wären mithin die Protagonisten einer kulturrevolutionären Polarität, deren jüngste Zuspitzung unser geschichtliches Fatum ausmacht. Die «leitende Hauptthese» des Buches lautet dergestalt: «Die im Bann von Stimme und Schrift stehende frühe Mediengeschichte ist sinnzentriert, die neuere Medientechnik fokussiert hingegen unsere Aufmerksamkeit immer stärker auf die Sinne.»
Die drei grossen mediengeschichtlichen Weltalter also wären: erstens die durch Sinndominanz charakterisierten Hochkulturen des gesprochenen und zumal geschriebenen Wortes; zweitens der durch die Einführung von Phono- und Photographie, schliesslich Radiophonie und Television initiierte Umsturz der Sinndominanz hin zu einer unmittelbaren, «sinnlichen» Aufzeichnung ästhetischer Wahrnehmung; drittens schliesslich die durch den Personalcomputer bewirkte Verschränkung des Sinns und der Sinne, deren Verhältnis nun keiner eindeutigen Hierarchie mehr zuzuordnen ist. «Die Gemengelage der Sinn-Sinne-Konstellation, die die avancierte Computertechnologie freisetzt, ist unübersehbar.» Das «Multi» wird so zum Schibboleth der Epoche.
Gewiss hat man das so oder so ähnlich bei anderen Autoren und nicht zuletzt bei Hörisch selbst schon gelesen. Gewiss auch beschleichen den Leser zuweilen die fast schon notorischen Zweifel bei so manch «wilden» Verknüpfungen, wie sie für Texte dieses Genres eher üblich sind. Doch bietet die frei flottierende Assoziation selbst kühnerer Spielart allemal mehr Inspirierendes als das Gros methodologisch verengter Begriffsarbeit. Was Hörischs Buch fernerhin empfehlenswert macht, lesenswert, ist neben dem Ton, seiner stilistischen Eloquenz, nicht zuletzt die Aufarbeitung, Präsentation und Durcharbeitung des Materials. Es versammelt kundig und detailliert die wichtigsten mediengeschichtlichen Befunde; es jongliert kompetent mit den medientheoretisch prominentesten Positionen.
Dazu gesellt sich eine etwas traurige Ironie, die das Buch eingangs schon bekennt. Denn in einem «alten» Medium dem Buch über «neue» Medien zu handeln, habe etwas Widersinniges. Die Darstellung ihrer überlegenen Kapazitäten sei verwiesen auf Mittel, die den neuen Medien nicht angemessen seien. Der Band sei deshalb, so Hörisch, «strukturell unseriös», weil seinem Thema «medial und genauer: medientechnologisch nicht gewachsen». Man könnte auch fragen: Wer schreibt hier für wen ein Buch? Ein Autor vielleicht für einen Leser vielleicht, die beide vielleicht schon einem untergehenden Äon angehören? Die fröhliche Medienwissenschaft des Jochen Hörisch ist so fröhlich nicht, wie ihr Autor vielleicht glaubt und glauben machen will.
Michael Mayer