... und das nicht nur gegenüber der wirklich super-tollen P&P-Verfilmung von 1995 (BBC), sondern auch der Stoff an sich...
Ich will ganz ehrlich sein: Ich fand den Roman "Verstand und Gefühl" an sich nie wirklich prickelnd und habe mich zwei mal mehr oder minder hindurch gequält - ganz im Gegensatz zu anderen Austen-Romanen.
Durch diese Verfilmung aber wird der Stoff plötzlich sehr attraktiv, spannend und überhaupt nicht langweilig!
Film-Film-Vergleich:
Im Vergleich zur BBC-Verfilmung aus den 80er Jahren, die sehr brav und unlebendig daher kam, in der die Charaktere recht hölzern und kaum unterscheidbar waren, in der zwar Werktreue gegeben war, aber das Gefühl beim Schauen nicht anregender war als das beim Lesen, bietet diese Version eine sehr viel modernere, lebendigere und für den an Hollywood oder ARD-Fernsehfilme gewöhnten Zuschauer sehr viel mehr Aufregung sexueller Natur :-). Die Charaktere sind viel stärker herausgearbeitet und der Film klingt nicht mehr nach Studio-Dreh. Toll vor allem, und damit hebt sich die neue Version besonders ab, die einzigartigen Landschaftsaufnahmen und Filmmusik, die die Emotionalität des Films besonders betont. Ansonsten ist sich BBC treu: Tolle und originalgetreue Kostüme und Schauplätze, Werktreue und lange Sehdauer.
Gegenüber der Ang Lee-Version, die ich durchaus auch immer sehr, sehr sehenswert fand, hebt sich der Film, wie schon von früheren Rezensenten angemerkt, zum einen durch eine teilweise glücklichere Wahl der Schauspieler, zum anderen durch eine größere Werktreue mit gleichzeitigen zusätzlichen Interpretationsangeboten ab, die Liebesgeschichten werden greifbarer und in ihrer Entwicklung auch für den Zuschauer glaubwürdiger. Schön fürs Auge war auch Ang Lees Film, der neue ist es noch eine Spur deutlicher: Herrliche Schauplätze, tolle Landschafts- und Naturaufnahmen und viele schöne Menschen :-).
Die Charaktere:
Emma Thompson war toll, aber die neue Elinor ist eine ganze Spur glaubhafter: jünger und - das macht sie besonders liebenswert - in ihrer pragmatischen Denke gleichzeitig gefühlvoll, empathisch und voller versteckter Emotionen. Man nimmt ihr ihre Rolle ab!
Kate Winslet war heroisch und hysterisch, die neue Marianne hingegen ist in ihrer Emotionalität stiller und daher eher als Schwester Elinors akzeptierbar. Sie wirkt weniger egoistisch und weniger lasziv, dafür naiver und unverdorbener.
Eine besonders tolle Verbesserung aber ist Mrs. Dashwood!!! Wahnsinn, diese Frau! Schön anzusehen und eine wirklich tolle Mutter, die nicht nur ihre Marianne im Kopf hat, sondern auch für die andern beiden Mädels sehr fürsorglich ist; bei der man sich aber auch fragt, warum sich kein Mann in sie verliebt... :-)
Weniger überzeugend hingegen sind die "Witzfiguren", die in der Ang Lee-Version besonders toll herausgearbeitet wurden:
Mr. and Mrs. Palmer bleiben leider blass und versprühen leider nicht ihren so herrlichen Witz, den wir aus der 95er-Version kennen.
Mrs. Jennings ist um einiges weniger schrullig, gleiches gilt für ihren Schwiegersohn. Dadurch werden sie zwar liebenswürdiger, sind aber nicht unbedingt unterhaltsam.
Auch Fanny könnte noch eine Spur aufbrausender sein!
John Dashwood und den kleinen dicken Henry hingegen finde ich göttlich :-). Gleiches gilt für die Steele-Schwestern.
Zu den Herren zum Schluss:
Willoughby wirkt um einiges unsympathischer und scheint seine Lektion bis zum Schluss nicht gelernt zu haben.
Toll aber ist Colonel Brandon (auch wenn man Snape wirklich vermisst!!!), ein Mann, den sich wohl jede Frau gern wünschen würde; der hier weniger distanziert, dafür besorgter und menschlicher rüberkommt.
Edward Ferrars - wow. Fast so schön wie Hugh Grant... und, das halte man ihm zu gute!, weniger schüchtern! Damit wird auch verständlicher, warum sich Elinor in ihn verlieben konnte.
Buch-Film-Vergleich:
Der Film arbeitet sich relativ genau am Roman entlang, nur wenige Szenen fehlen, einige wurden als Interpretationsangebot ergänzt.
Die Liebesgeschichten der Paare werden hier stärker ausgebaut. Es gibt zusätzliche Szenen, die dem Zuschauer näher bringen, wie sich die Liebe der Paare entwickelt und welche Entwicklung die Charaktere durchmachen. Besonders schön ist dies für Marianne und Brandon gelungen - es sieht hier nicht mehr so aus als würde sie ihn nur nehmen, weil Willoughby sie nicht wollte und sie total abgestumpft wirkt. Nein, sie liebt ihn - und man nimmt es ihr ab!
Auch die Geschichte um Elinor und Edward bekommt einige Add-ons, vor allem - und das gilt für Elinor/ Edward, Marianne/ Willoughby, Marianne/ Brandon gleichermaßen - gibt es eine langsame Kameraführung mit langen, sehnsüchtigen Blicken, mit Musik und ...viel Emotion.
Der Film:
... besticht durch viel Poesie (Musik, Landschaft, Bilder), durch Langsamkeit und viel Liebe zum Detail.
Ein überlanges Meisterwerk!