Wie auch Hans Rott ist Mieczyslaw Karlowicz unter jene spätromantischen Komponisten zu zählen, die aufgrund ihres frühen Todes ein zwar nur geringes, doch bemerkenswertes Ouevre hinterlassen haben. Lauscht man der
E-Dur-Symphonie des 1884 im Alter von 25 Jahren an Tuberkulose verstorbenen Rott oder eben jenen Werken des 1909 im Alter von 32 Jahren bei einem Lawinenunglück in der Tatra ums Leben gekommenen Karlowicz, sieht man sich zwangsläufig zu der Frage veranlasst, welchen Einfluss diese beiden Klangkünstler wohl auf die Musik des 20. Jahrhunderts genommen hätten, wären sie nicht so frühzeitig dahingeschieden.
Zu Karlowicz' Vermächtnis gehören neben einigen Liedern
eine Serenade für Streichorchester, ein Violinkonzert, sechs
symphonische Dichtungen sowie - hier zu hören - die Symphonie "Odrodzenie" ("Wiedergeburt") und die Zwischenaktmusik zu Jozafat Nowinskis Drama "Bianca da Molena". Obwohl alle diese Werke beinahe schon vergessen schienen, erlebten sie erfreulicherweise während der letzten Jahre durch die Bemühungen einiger weniger Plattenlabels wie etwa
"Dux" (ein recht farbloser, wenig charismatischer Live-Mitschnitt der Symphonie),
"Bearton" oder "Chandos" eine Renaissance. Mit der vorliegenden Aufnahme komplettiert nun Antoni Wit seinen Karlowicz-Zyklus bei "Naxos".
Die 1903 vollendete, sowohl in ihrem Aufbau als auch ihrer musikalischen Sprache stark an Tchaikovsky (insbesondere dessen Fünfte) erinnernde Symphonie spiegelt programmatisch - und dabei wohl auch biographisch beeinflusst - die symbolische Auferstehung eines Künstlers nach herben Enttäuschungen wider: Einem düster-schwermütigen ersten Satz folgt ein wunderschön-lyrischer zweiter. Nach dem im Grundzug heiteren, doch immer wieder von melancholischen Passagen durchwobenen Scherzo findet die Symphonie ihren triumphalen, obgleich beinahe schon abrupten Abschluss in strahlendem E-Dur. Zwar mag man hier und da noch die ein oder andere kleine kompositorische Unbeholfenheit heraushören. Die jedoch kann nicht über Karlowicz' Genius hinwegtäuschen.
Den Glanzpunkt dieser CD bildet indes die 1900 in Berlin uraufgeführte Zwischenaktmusik "Bianca da Molena", die - herrlich farbenreich und opulent orchestriert - schon auf die symphonische Dichtung "Epizod na maskaradzie", Karlowicz' letztes und reifstes Werk, hinweist. Einflüsse von Liszt, Strauss und wiederum Tchaikovsky lassen sich erkennen. Dennoch tönt ein dem Komponisten eigenes Kolorit aus dem Spiel mit jenem Thema, das noch lange, nachdem der letzte Ton bereits verklungen ist, im Kopf des Hörers nachhallt.
In Antoni Wit, der seinen polnischen Landsleuten schon mit den exzellenten Einspielungen diverser Werke etwa von Karol Szymanowsky, Krzysztof Penderecki oder Wojciech Kilar Ehre erwies, findet Karlowicz einen erlesenen Anwalt seines Schaffens. Der aus Krakau gebürtige Dirigent arbeitet mit dem Philharmonischen Orchester Warschau die Details der Partitur einmal mehr nuanciert heraus. Allenfalls das Cello-Solo im zweiten Satz der Symphonie (eine Reminiszenz an das Horn bei Tchaikovsky?) hätte man sich etwas exponierter gewünscht. Ansonsten jedoch darf die Interpretation - ebenso wie die üppig-exquisite Aufnahmequalität - als tadellos gelten.
Schlußendlich bleibt zu hoffen, dass diese preiswertere Alternative zur ebenfalls hörenswerten
"Chandos"-Einspielung ihren Teil zur Karlowicz-Renaissance beiträgt und somit dazu, dass die lange zu Unrecht vernachlässigten Werke eines begnadeten Komponisten doch noch ihren wohlverdienten Platz im Repertoire unserer Orchester finden.