Fast genau ein Jahr nach Erscheinen der DVD- und Bluray-Edition erscheint nun Thielemanns Beethoven auch auf CD (Sony). Vermarktungstechnisch stellt das ja fast Karajan zu seinen besten Zeiten in den Schatten. Die DVD konkurrierte mit der Aufnahme Paavo Järvis, die auch bei Sony erschien(!), die CD-Ausgabe kann wohl nicht ohne Blick auf Riccardo Chaillys Beethoven mit dem Gewandhausorchester Leipzig beschrieben werden. Ob Järvi, Chailly oder Thielemann - unterschiedliche Interpretationsansätze wurden von allen auf höchstem Niveau erbracht. Gewandhausorchester und Wiener Philharmoniker erbringen auch den Nachweis, dass Beethoven auch vom großen Orchester ohne historische Instrumente überzeugend gespielt werden kann - wenn nur eine dirigentische Vision vorhanden ist.
Chaillys rasanter Beethoven wurde elfmal treffend beschrieben, einer der "Kollegen" dort meinte, dass dieser Beethoven rockt, da hat er wohl recht (kleiner Seitenblick von mir trotzdem auf Chailly: Die Nrn. 3, 5,6 und 7, also eigentlich das Beethovensche Kerngeschäft, sind schon arg trocken gespielt in dem Bestreben, nur ja jegliches Pathos zu vermeiden).
Dem gegenüber scheint mir Thielemanns Beethoven gelegentlich mehr zu swingen in seinen vielen Temposchwankungen, die aber faszinierenderweise doch immer irgendwie organisch klingen. Dieser Beethoven ist auch garnicht bombastisch, aufgeladen oder extrem donnernd, wie man das vom Erzromantiker Thielemann vielleicht erwartet oder erhofft hat. In aller Kürze zu den einzelnen Sinfonien:
Nr. 1
kommt trotz großer Orchesterbesetzung recht leichtfüßig daher, das Scherzo fast noch schneller als Chailly, dafür aber ohne die "brazzigen" Trompeteneinwürfe, der langsame Satz schön ausschwingend, noch fast mozartisch, ein freundlicher Start.
Nr. 2
kommt schon wuchtiger daher, die langsame Einleitung bringt ja bereits auf ihrem Höhepunkt das herabstürzende Hauptthema der Neunten, kernig wird das 2., marschartige Thema akzentuiert. Wie auch in allen weiteren Sinfonien lässt sich Thielemann in den zweiten Sätzen nach alter Tradition genügend Zeit, Metronom-Angaben sind für ihn eh kein Thema. Dafür scheucht er den großen Wiener Streicherapparat dann aber in Scherzo und Finale wirklich presto.
Nr. 3
wird dann zur großen Tondichtung. Viele Tempomodifikationen, melodisch und klangprächtig (Hörner!) - ich wüsste nicht, mit wem ich das jetzt vergleichen sollte, sicherlich nicht mit Karajan, eher vielleicht ein wenig Bernstein. Auf über 50 Minuten wird hier die Eroica ausgekostet, schon auch zelebriert. Langweilig wirds mir dabei nicht und "falsches Pathos" höre ich dabei auch nicht.
Nr. 4
kommt dann wieder ganz ohne Extravaganzen, Kleiberianer mögen mir verzeihen, aber im Beginn des 2.Satzes höre ich nun die "Theres", die den Wienern unter Kleiber damals nicht gelingen wollte (und er die Probe wütend verließ). Die althergebrachte Dramaturgie zwischen den leichten Geraden und den schweren Ungeraden - sie lebt schon wieder auf, durch zurückgenommenes Blech und Pauken, nicht aber durch Sorgfalt und Intensität.
Nr. 5
ja, hier klopfts schon wieder mal an, die Höhepunkte zu Beginn der Reprise und in der Cada werden herausgemeißelt, die Oboe hat Luft für die Kurze Klage. Aber nirgends klingts schwer oder schwerfällig. Strahlend die Trompeteneinwürfe in den sonst verhaltenen Holzbläsergesang im zweiten Satz, dann das große Drama mit Hang zum Monumentalen: Im Fugato des Scherzos rumpeln die tiefen Streicher einfach unnachahmlich, dann der langsame Übergang ins Finale - da hält man schon den Atem an (Chailly hetzt da z.B. völlig spannungslos durch). Das Hauptthema wird dann regelrecht herausgestanzt um sofort und ohne Brüche in ein rasantes Tempo überzugehen. Immer wieder diese leichten Verzögerungen und Beschleunigungen, die überraschend organisch gelingen und den Satz mit seinem mächtigen Dauerforte auflockern. Diese Fünfte kommt für mich schon Kleibers Referenz heran.
Nr. 6
romantisch, breit, tief empfunden, eine (Vor-)alpensinfonie - hier ist Thielemann vielleicht von allen Neunen am meisten bei sich. Den Übergang vom Gewitter zu den frohen und dankbaren Gefühlen haben viele schon schön gestaltet, hier sind aber so viele Farben vom leisen Bordun unter den Hirtenschalmeien, der ganz zarte Violinenklang und dann ein schon fast Brucknerischer Choralklang in Hörnern und Posaunen zu hören, einfach intensiv gestaltet.
Nr. 7
nimmt er dann wie Karajan oder Kleiber ohne alle Wiederholungen (was ich schon ein wenig schade finde, die Spannung wäre sicher zu halten gewesen) und mit all den schönen Fehlern, wie sie eigentlich die Historisten ausgemerzt hatten: satte Streicher mit schmetternder Hörnerklang und schlankem Holz darüber, der zweite Satz schön langsam aufblühend, das Trio im Scherzo wieder mal als "Pilgergesang" langsam und mächtig aufrauschend, das Finale dann fast einen Kick schneller als die Metronomangaben, kurz gesagt historisch wohl falsch, aber halt doch grandios!
Nr. 8
beginnt betont gravitätisch, besonders wenn man Chaillys Geschwindvariation im Ohr. An dessen Rasanz und Brillanz kommt jetzt die konservative Variante wirklich nicht heran, das ist hier doch ein wenig zu gezügelt. Irgendwie scheint Thielemann wie Beethoven Haydn doch nicht ganz zu verstehen - harmlos war der ja überhaupt nicht.
Nr. 9
ist dann wieder ganz Thielemanns Welt. Auf 72 Minuten breitet er dieses Ausnahmewerk aus (Chailly zum Vergleich benötigt 10 Minuten weniger). Der erste Satz ist hier weniger dramatisch furios, eher ein insistierender Trauermarsch. Das Scherzo gewinnt durch Tempoverzögerungen an den großen Steigerung ein ganz eigenen, durchaus scharfen Klang. Romantisch, aber doch liedhaft, ein wenig schon wie Schubert der dritte Satz, mit breiten Streicherklangflächen nach dem zweiten Fanfareneinwurf des Blechs. Wie soll man das Finale beschreiben? Thielemann steht hinter dieser Musik, gestaltet, kitzelt jeden Höhepunkt heraus und lässt so gar keine Diskussion über die Qualität der Musik zu. Hervorragend Georg Zeppenfeld und die Aufnahmetechnik, die Solisten, Chor und Orchester ausgewogen und ohne die oft zu hörenden Schärfen in diesem Satz eingefangen hat.
Die feine Box suggeriert ein wenig Schallplattennostalgie, das ist halt was für den Sammler und kein Download. Zusammenfassend ein Beethoven für Genießer, sicher mehr konservative Hörer. Freuen würde es mich, wenn es nicht Thielemanns letztes Wort zu Beethoven wäre, wenn ein bisschen mehr Extremismus, ein bisschen mehr Rauheit und Schärfe dazu käme. Aber dann ist es vielleicht kein Thielemann mehr.
Ein letzter Hinweis: Klanglich ist die Mehrkanalabmischung der DVD detailreicher und dem nicht besonders durchsichtigen Stereoklang der CD vorzuziehen.