Die hier vorliegenden Interpretationen werden Ihnen sicher NICHT gefallen, wenn Sie der Annahme sind, daß Tchaikovsy doch eigentlich ein "Gefühlsexhibitionist" (Alfred Einstein) sei, dessen Musik bisweilen "stinke" (Hanslick), dessen Verzweiflung nach "Schlager" klinge (Adorno), und dessen slawisch-homosexuelle Gefühlsduselei, die ihn zum Lieblingskomponisten der "geistigen Mittelklasse" (wieder Einstein) mache, folglich eines strengen Orchester-Zuchtmeisters bedürfe, damit dieser weinerliche Schlendrian mal ordentlich auf Vordermann gebracht wird - im Zweifelsfalle dadurch, daß er möglichst schnell heruntergespielt wird.
Auffallend an der populären Tchaikovsky-Kritik ist ja, daß eigentlich der Verstoß gegen bürgerliche Normen kritisiert wird: Musik darf nicht stinken, darf nicht schwitzen und der "Exhibitionismus des Gefühls", die künstlerische Verarbeitung von Neurosen ist nur dann gestattet, wenn sich all dies philosophisch überhöhen lässt (Wie bei Beethovens Fünfter, bei der dann gleich die Rede vom "Schicksal" ist, das an die Türe des Titanen klopfe usw.), wenn sie in Bezug zur Religion (Wie bei Bruckner) oder zu "keuschen" Neurosen (Wie bei Gustav Mahler) gesetzt werden kann.
Es ist insofern bezeichnend, daß
a) viele Kritiker nur diejenigen Tchaikovsky-Interpreten gelten lassen, die die Musik quasi "verdünnen" oder mit militärischer Strenge und möglichst hohem Tempo "auf Vordermann bringen" - denn auch dies entspricht ja der konservativen Vorstellung davon, wie man mit derlei Persönlichkeiten umgehen sollte - und
b) zu den prominentesten Verteidigern Tchaikovsky eben NICHT die seichte "Mittelklasse" gehört, sondern gerade auch Künstler, die sich der Moderne verpflichtet gefühlt haben, und deren Auftreten für größere und kleinere Skandale sorgte. Als Beispiel sei Glenn Gould erwähnt, dessen Körpereinsatz und dessen berühmt-berüchtigtes Non-Legato für gelegentliche Empörung sorgte, und der über Tchaikovsky schrieb: "Ich halte Tchaikovsky für einen großen Komponisten, auch wenn es sich heutzutage gut macht, ihn nicht zu mögen. Ich dagegen glaube, daß er wirklich einer der ganz großen Symphoniker nach Beethoven war, und ich liebe seine Musik."
Und als weiteres Beispiel eben Leonard Bernstein, der ja beim Dirigieren bekanntermaßen selber schwitzte und hüpfte und sprang, und dessen Verbindung mit dem Jazz und dem Musical ebenfalls argwöhnisch beäugt wurde.
Wie ich in der Überschrift schon schrieb finden Sie auf den vorliegenden Aufnahmen also "Tchaikovsky für Menschen, die Tchaikovsky WIRKLICH mögen" - denn die populäre Kritik an dem Komponisten wurde auch an Bernsteins Interpretationen geäußert: zu stinkend, zu schwitzend, zu sentimental ... nicht keusch genug.
Gerade "seine" Pathétique ist mit ihren langsamen Tempi und der Auskostung des Gefühls ein hervorragendes Beispiel dafür. Wo Mravinksy für den elegischen letzten Satz 9:49 min braucht, kommt Bernstein auf 17:12 min! Und das ist herrlich, das ist befreiend und vorallem ist es eine kongeniale Verteidigung dieses genialen Komponisten und seiner entwaffnenden Musik, die jede Form von Abwehrmechanismus (wie der Intellektualisierung oder der Sublimierung) überwindet - und vermutlich gerade deshalb so "gefährlich" ist.