Der Prüfstein für jeden Dirigenten des klassischen Repertoires ist zweifellos ein Zyklus der Symphonien Beethovens. Auch ganz Große scheitern dabei, so Abbado bereits zweimal (Wiener und Berliner PO), manche bleiben blaß und langweilig, wie Haitink oder Masur, manche gehen neue Wege, wie Brüggen, Goodman und Norrington, aber ein andererer gewinnt, nämlich Gardiner, manche vergißt man schnell, wie Bernstein, manche steigen kometenhaft auf, wie Zinman, manchen gelingt eine brillante Vermittlung zwischen den Extremen, wie Harnoncourt, manche bleiben unterbewertet, wie Gielen, manche halten schön die klassische „Mitte", wie Szell oder Davis, aber nur ganz wenigen gelingt ein steter Abstieg, wie Karajan bei seinen vier (!) Zyklen, manche haben leider keinen Zyklus hinterlassen, wie Fricsay, und nur ganz wenige setz(t)en immerwährende Denkmäler: Toscanini, Furtwängler, Leibowitz und Klemperer. Zwei dieser Zyklen zeigten nach vorn, Toscanini und Leibowitz, einer unmißverständlich zurück zu heute unerträglichen wagnerschen Nebelschwaden, Furtwängler, und einer bildet einen fast zeitlos klassischen Granitblock: der vorliegende Zyklus des damals über 70-jährigen Klemperer. Sechs der Symphonien wurden 1957 im Zuge eines Londoner Konzertzyklus stereo im Studio aufgenommen, drei (3., 5. und 7.) lagen damals bereits in (mustergültigen) Mono-Einspielungen vor. Um den Stereozyklus zu schließen, wurden diese drei Symphonien 1959/60 nochmals stereo aufgenommen. Für die CD-Box wurden aber nur die 3. und 5. verwendet und die 7. durch jene ältere von 1955 ersetzt, die neben mono gleichzeitig stereo aufgenommen worden war. Die in früheren Tonkonserven hörbaren technisch bedingten Nebengeräusche dieser Stereo-Pioniertat haben die Techniker bei der (Neu-)Digitalisierung 1998 fast getilgt, was ebenso für die Große Fuge von 1956 gilt. Die neue Digitalisierung ist vorbildlich gelungen und vergrößert die dynamische Breite und die Transparenz, bringt aber an einigen Stellen einen leicht metallisch-harten Streicherklang, der gegenüber dem „Nebel" der älteren Konserven kaum wirklich stört. Den Unterschied kann man innerhalb der Box erfahren, denn leider wurden die Klavierkonzerte 1-4 in der Digitalisierung von 1990 belassen und nur das 5. und die Choralphantasie in einer Digitalisierung von 2000 verwendet. Klemperers Zyklus war somit der erste in stereo, und die technische Qualität der Aufnahmen verblüfft noch heute. Wie bei Klemperer üblich, liegt der Augenmerk auf der Architektur und Rhytmik der Partitur, Schönklang als Selbstzweck und forciertes „organisches" Ineinanderwachsen unter Vermeidung jeglicher Härten a la Karajan fehlen ebenso wie eigenwillig romantische Auslegungen a la Furtwängler. Obwohl die Interpretationen monumental angelegt sind, hält sich der Bombast in Grenzen. Man höre etwa den „undramatischen" Beginn der 5., deren Finale da stattfindet, wo es hingehört. Dazu sind Klemperers Tempi oftmals schneller, als ihnen nachgesagt wird. Die Ouvertüren haben das Niveau der Symphonien. Zur Chorfantasie und den Klavierkonzerten von 1967 soll nur gesagt werden, daß zuvorderst Barenboims Part nicht überzeugt. Er verbleibt im braven Traditionalismus, was nicht zu verübeln wäre, wenn die Artikulation sauber und die Rhytmik prägnanter wären. So aber hört man die Konzerte wegen Klemperers Dirigat und ärgert sich fast über die verpaßte Chance im Klavierpart. Da freilich die ganze Box inkl. der Klavierkonzerte bei Amazon unglaublich günstig und somit für weit weniger zu haben ist, als fast alle Boxen nur mit den Symphonien, bekommt man die Konzerte mitgeschenkt. Übrigens gilt unter Klemperer-Fans der während der Wiener Festwochen 1960 mitgeschnittene Live-Zyklus mit dem Philharmonia Orchestra als Klemperers bester. Er ist leider nicht in einer zufriedenstellenden Digitalisierung erhältlich. Wie herrlich Klemperers Beethoven live klingt, zeigen etwa die wunderbaren Mitschnitte von 1957 (9. Symphonie, Philharmonia Orchestra, Testament, bei Amazon); 1963 (3. Symphonie, Wiener Symphoniker, Orfeo, bei Amazon), 1968 (5. Symphonie, Wiener Philharmoniker, DGG) und 1969 (4. und 5. Symphonie, Bayerisches RSO, EMI, bei Amazon). Sollte es wieder einmal ein Beethoven für die einsame Insel sein, ich würde bedenkenlos den Klemperer-Zyklus mitnehmen. Karel Hruza (Wien)