Unter Musikern schon längst, bei reinen Musikhörern immer mehr, rangiert Joseph Haydn unter den interessantesten und einfach besten Komponisten der Musikgeschichte - wahrscheinlich reicher begabt, sicher aber ausgeglichener, perfekter arbeitend als seine immer noch pupuläreren Klassikerkollegen Beethoven und vor allem Mozart. Letzterer hatte zweifelsohne mehr Sinn für die divenhafte Position des Klaviers bei entsprechenden Solokonzerten, aber selbst als Opernkomponist läuft er nicht wirklich dem hier nur anderen, ironisch distanzierteren Haydn den Rang ab.
Wie wenig Haydns Schreibweise mit der samtigen Klangwelt Mozarts, wie viel aber bereits mit der rhythmischen Prägnanz und der finalen Stringenz bester Beethoven-Kompositionen gemeinsam hat, das hört man bei Dorati an allen Ecken und Enden heraus. Doch es ist nicht der Hauptaspekt und nirgends kehrt Dorati es sozusagen mit ausgestrecktem Zeigefinger heraus (wie etwa Harnoncourt in seiner Einspielung der Londoner Sinfonien). Dorati weiß um das Freundliche, Optimistische, bei aller Konzentration immer wieder Gelöste in Haydns Kunst, der seine Arbeit weniger als Huldigung an seine meistens fürstliche Auftraggeber verstand denn als Dank an einen Gott, den er sich großzügiger und großherziger dachte als andere Katholiken.
Daß bei so einem Mammutprojekt vereinzelte Stücke weniger eindrücklich gelingen, darf und muß man inkauf nehmen. So bekommt man die stark von Solisten geprägten Tageszeiten-Sinfonien (nach überholter Hoboken-Zählung die Nummern 6 bis 8) in Fischers Gesamteinspielung farbiger geboten als unter Dorati, der hier ein unschönes Dauervibrato bei Violine und Cello nicht verhindern mochte oder konnte. Die in gesunder Sinfonie-Orchester-Größe spielende Philharmonia Hungarica bietet aber im allgemeinen große Differenzierungen und bietet die Werkgruppe abwechslungsreicher als einige jüngere oftmals klein besetzte Einspielungen, schon dadurch, daß auch im Forte Abstufungen stattfinden, während kleine Ensembles, um Forte zu erreichen, jedesmal und immer gleich "auf die Tube" drücken - ein Umstand, der auf die Dauer ermüdet und im übrigen keineswegs den historischen Gegebenheiten gerecht wird. Haydn selber wünschte für seine Sinfonien mindestens sechzig Spieler (Normgröße bei seiner zweiten Englandtournee in den 1790er Jahren), führte die Londoner bei Wiederholungsaufführungen in Wien mit hundert auf und berechnete die Pariser Sinfonien für ein Orchester von sogar 150 Mann. Seine Oratorien wurden in Wien mit 180 (Il ritorno di Tobias), 400 (Schöpfung) bzw. 200 (Jahreszeiten) Mitwirkenden aus der Taufe gehoben.
Um einigen noch gar nicht richtig erforschten, spannend zu verfolgenden Werkstattgeheimnissen des Sinfonikers auf die Spur zu kommen, sollte man die Werkgruppe unbedingt in der mittlerweile weitgehend gesicherten Reihenfolge ihres Entstehens durchhören. (Siehe u.a. Haydn-Artikel bei Wikipedia.)