Josef Krips (1902-1974) ist den meisten der heutigen Musikliebhaber schon fast kein Begriff mehr. Dieser Wiener Dirigent, der im Dritten Reich zeitweise als Lagerarbeiter sein Leben fristen mußte, hat uns einige unsterbliche Dokumente hinterlassen, z.B. einen noch heute maßstäblichen DON GIOVANNI (Decca) und diverse Mozart-Symphonien mit dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester (Philips).
Die beiden Schubert-Symphonien, die auf vorliegender CD gekoppelt sind, geben ebenfalls Zeugnis von Krips' hoher Dirigierkunst. Insonderheit die Große C-dur-Symphonie Nr. 9 ist ihm einmalig gelungen. Herrlich beschwingt, beinahe wie trunken von der einzigartigen Melodik dieser Musik, dirigiert er sie mit einer unnachahmlichen Kantabilität, ohne aber die symphonischen Strukturen des gewaltigen Werkes im geringsten aufzuweichen. Ich greife immer wieder gerade gerne zu dieser alten Aufnahme, die 1958 entstanden ist. Frühe Stereo-Technik, aber DECCA war ja schon immer für die besondere Qualität seiner Platten bekannt. Diese hier erklingt noch heute in allem Glanz und braucht sich hinter neueren Versionen in keiner Weise zu verstecken. Es gibt viele herausragende Stereo-Einspielungen dieses symphonischen Hauptwerkes; ich nenne nur Klemperer, Szell, Giulini, Böhm, Bruno Walter, aber ich ziehe die Krips-Aufnahme ihnen allen vor. Das Londoner Symphonie-Orchester ist spitzenmäßig besetzt, spielt spitzenmäßig und folgt dem Dirigenten in vorbildlicher Weise. Die Steigerungen am Ende des ersten Satzes und im Finale sind ganz einfach mitreißend. Eine Aufnahme ohne Fehl und Tadel.
Die Einspielung von Schuberts Unvollendeter ist deutlich jünger, sie stammt aus dem Jahr 1969. Auch hier beweist sich Krips als souveräner Beherrscher symphonischer Zusammenhänge, ohne indes die einzigartige Geschlossenheit zu erreichen, die seine Aufnahme der Neunten so einmalig macht. Trotzdem eine mehr als willkommene Ergänzung, die sich hinter berühmteren Aufnahmen keineswegs zu verstecken braucht. Hier beweisen die Wiener Philharmoniker ihre Kompetenz in Sachen Schubert.
Leider fehlt die CD z.Zt. im Handel, läßt sich aber mit ein bißchen Glück bestimmt beschaffen. Es lohnt sich!