Vorweg: falls Sie wundert, warum ich nur 1 Stern vergebe: es gibt die gleichen Aufnahmen für etwas weniger Geld bei einem anderen Label zu einem aktuell sogar niedrigeren Preis und Sie erhalten dabei sogar die Große C-Dur-Symphonie noch zusätzlich, wenn auch in keiner Trauminterpretation. Einzig der Download ist bei der Alternative marginal teurer. Die CD an sich würde ich mit 4 Sternen bewerten. Hier die Alternative:
Sinfonien.
Franz Schubert wurde als Symphonien-Komponist auch nach seiner "Entdeckung" durch Robert Schumann lange Zeit unterschätzt. Man könnte fast sagen, dass Schubert diese Tradition selbst mitbegründet hat, indem er sich doch sehr kritisch über seine Symphonien 1-6 äußerte. Wenn nicht gar völlig zu Unrecht, so übertrieb es Schubert doch mit seiner Selbstkritik meines Erachtens auf jeden Fall! Der Weg zum großen symphonischen Wurf, den Schubert landen wollte und letztlich wohl auch mit der heute als Große C-Dur-Bekannten Symphonie D944 gelandet hat, war mit zahlreichen aufgegebenen Projekten gepflastert. Eine dieser Symphonien ist heute als "Die Unvollendete" D759 eines der bekanntesten und meistgespielten Werke des Wiener Komponisten.
Vielleicht war der Musikwissenschaftler Brian Newbould mit mir einer Meinung was Schuberts hyperkritische Einstellung zu seinem symphonischen Schaffen betrifft und hat deswegen Schuberts Skizzen zum 3. Satz für die Unvollendete aufgegriffen und diese vollendet. Auf welches Material sich Newbould beim Finalsatz bezogen hat oder ob es überhaupt welches gab, weiß ich nicht. Die "vollendete Unvollendete" wird höchst selten aufgenommen und meines Wissens so gut wie nie im Konzert dargeboten. Es gibt meines Wissens Aufnahmen mit der Academy of St. Martin-in-the-fields unter Sir Neville Marriner und es gibt eben diese Aufnahmen mit dem Orchestra of the Age of Englightenment unter Sir Charles Mackerras.
Aus meiner Sicht ist dies ein vielleicht historisch und musikwissenschaftlich interesantes Unterfangen, aber musikalisch sehe ich nicht den großen Zugewinn. Schubert hatte nicht ganz unrecht, was seinen Scherzo-Entwurf betrifft: er ist im Vergleich zu den vorangegangenen Sätzen einfach zu leichtgewichtig. Natürlich könnte man dem Scherzo die Funktion der Auflockerung zuschreiben, nachdem es im ersten Satz sehr dramatisch zuging und im zweiten sehr lyrisch mit dramatischen Einwürfen. Aber die Auflockerung gelingt hier nur bedingt. Das Scherzo-Thema ist einfach eine Spur zu eintönig geraten. Es ist nett anzuhören, keine Frage, aber es passt nicht wirklich zur übrigen Symphonie. Mit Newboulds Finale, bei dem ich wie gesagt nicht weiß, wieviel Schubert drinsteckt kann ich gar nichts anfangen.
Zu den übrigen Symphonien bzw. zum vollauthentischen Teil der "Unvollendeten": die ersten beiden Sätze der "Unvollendeten" gibt es in zahlreichen Einspielungen und höchst unterschiedlichen Interpretationen. Herbert von Karajan beispielsweise machte aus diesem Stück ein hochdramatisches, spätromantisches Werk mit großer Lautstärke und sehr langsamen Tempi. Durchaus interesant anzuhören, aber doch sehr dick aufgetragen und letztlich nahe am Kitsch. Der Gegenpunkt wäre Thomas Dausgaard mit dem Swedish Chamber Orchestra: unpathetisch, schnell, aber doch ausdrucksstark. Eine der besten Unvollendeten, die ich kenne, neben der genialen Einspielung von Carlos Kleiber mit den Wiener Philharmonikern.
Wo reiht sich hier nun Mackerras mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment ein? Kurz gesagt: qualitativ sehr weit vorne, interpretatorisch wie ein gemäßigter Dausgaard. Mackerras hat ebenfalls ein recht flottes Tempo im ersten Satz gewählt, die dramatischen Höhepunkte bekommen nicht wie bei Karajan eine Fermate verpasst, aber Mackerras hetzt auch nicht über sie hinweg. Die Wohlklangpassagen werden sehr schön ausgekostet, ohne verkitscht und verschleppt zu werden. Mackerras hat ja viele Schubert-Aufnahmen auf dem Markt. Vergleiche ich diese hier mit der Aufnahme mit dem Scottish Chamber Orchestra, so bin ich mit dieser weitaus zufriedener. Der Bläserklang ist angenehmer und das Tempo sinnvollerweise ein wenig höher. Der 2. Satz ist ebenfalls sehr gut gelungen. Das Tempo ist adäquat gewählt, die lyrischen Passagen kann man genießen, ohne dass sie sich ins Unendliche ziehen würden, die dramatischen Passagen haben Kraft ohne zu sehr zu dröhnen.
Insgesamt eine sehr schöne Unvollendete, mit deren "Vollendung" durch Newbould ich nur wenig anfangen kann.
Die 5. Symphonie ist diejenige unter Schuberts Symphonien, mit der ich mich lange Zeit eine wenig schwer getan habe. Der erste Satz hat mir schon immer gut gefallen, schien mir aber zu lange geraten. Mein Eindruck war, dass er nicht so viel Substanz hat, sondern hauptsächlich ein schönes Thema, dass zu lange ausgekostet wird. Der 2. Satz hat mich gelangweilt, beim Scherzo hatte ich immer den Eindruck, es sei bei Mozarts großer g-moll-Symphonie abgeschrieben. Das Finale erschien mir irgendwie banal.
Mittlerweile höre ich diese Symphonie anders. Was vom oben geschilderten Eindruck bleibt ist, dass mir die 5. Symphonie irgendwie anders erscheint als die anderen Schubert-Symphonien. Schubert hat für mein Hören hier eine etwas andere Klangsprache. Bis zu einem gewissen Grad ist mir die Fünfte auch heute noch eine Spur zu süsslich. Dennoch muss ich klarstellen: der erste Satz hat sehr wohl Substanz, das Thema ist nicht nur an sich wunderschön, sondern es wird auch schön und elegant verarbeitet. Vielleicht fehlen mir ein wenig die für Schubert so typischen kurzen dramatischen Momente. Auch der 2. Satz ist mit langweilig reichlich unfair charakterisiert. Die Ähnlichkeit des Scherzos zur großen g-moll-Symphonie Mozarts höre ich nach wie vor, aber es höchstens eine Ähnlichkeit der Stimmung. Abgeschrieben? Zeigt, wie ungenau ich zugehört hatte. Das Finale finde ich auch heute noch ein wenig leichtgewichtig. Auch hier fehlt die brillante innere Dramaturgie vieler Schubert-Symphonien. Auch ein so großes Temperament wie seine Dritte entwickelt die Fünfte insgesamt nicht. Dennoch höre ich sie mittlerweile sehr gerne.
Die Leistung von Charles Mackerras und dem Orchestra of the Age of Enlightenment ist meines Erachtens durchweg sehr gut. Angenehme Tempi, klare Strukturen, hohe Transparenz, sämtliche Vorteile der historischen Aufführungspraxis ausgeschöpft. Die Nachteile treten allerdings auch recht offen zutage. Der Fünften tut ein satter Streicherklang und ein wenig mehr Vibrato recht gut. Blomstedts Aufnahme mit der Staatskapelle Dresden oder Mutis Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern machen hier großen Spaß. Am besten gefällt mir eine nur schwer bekommende Einspielung des Philharmonia Orchestra unter András Schiff. Teilweise wirken die Streicher des Orchesters auf dieser CD doch ein wenig dünn. Aber gut, ist eher ein kleineres Manko. Vergleiche ich mit anderen Orchestern der historischen Aufführungspraxis, so gefällt mir persönlich die Aufnahme von Anima Eterna unter van Immerseel noch ein wenig besser. Dieser wählt marginal höhere Tempi, was die Lebhaftigkeit erhöht.
Aber insgesamt eine sehr gute Aufnahme der Fünften, vielleicht keine Sternstunde, aber wirklich vorderes Vorderfeld.
Auch der kleine Ausschnitt aus "Rosamunde" ist sehr schön gelungen!