Der im Juni 2010 verstorbene Dirigent Sir Charles Mackerras war ein eher ruhiger Vertreter seiner Zunft, kein Selbstvermarkter, weswegen er auch lange Zeit etwas im Hintergrund stand. In seinen späten Jahren wurden seine Qualitäten jedoch zunehmend geschätzt und Mackerras Bekanntheisgrad stieg an. Als Lehrer und ausgesprochen kollegialer Vertreter seiner Zunft (laut John Eliot Gardiner eine Seltenheit bei Dirigenten) hat er Größen der britischen Dirigierkunst wie Sir Roger Norrington oder Sir John Eliot Gardiner stark geprägt. Als Interpret ist er wohl vor allem für seinen Einsatz für die tschechische Musik (Dvorak, Smetana, vor allem Janacek, auch Suk und Martinu) bekannt. Aber auch im klassischen Repertoire hat er sich Verdienste erworben, als Beethoven- und Schubert-Interpret, aber vor allem als Mozart-Dirigent.
Sein kompletter Symphonien-Zyklus mit der
Prague Philharmonia aus den 80er Jahren bietet einen wunderbaren Mittelweg zwischen den traditionellen Interpretationen, beispielsweise Karl Böhms und den Anfängen der historischen Aufführungspraxis, markiert durch die Gesamteinspielungen von Christopher Hogwood und Trevor Pinnock. Mackerras ließ sein Orchester dabei eher im traditionellen Stil spielen, also neue Instrumente, Streichervibrato u.ä., wählte keine zu extremen Tempi, setzte aber gleichzeitig auch sehr auf Transparenz und Durchhörbarkeit. Die Interpretationen dieser Gesamteinspielung sind insgesamt sehr zu loben, wer eine Gesamteinspielung aller Mozart-Symphonien sucht ist meines Erachtens bei Mackerras sicherlich an einer sehr guten Adresse.
Was die beiden hier eingespielten Symphonien betrifft fällt mein Urteil zweigeteilt aus. Die große g-moll-Symphonie, KV 550, gefällt mir bei Mackerras sehr gut. Es mangelt ja nicht wirklich an Aufnahmen dieser Symphonie, sich dabei im Vorderfeld zu etablieren ist fast unmöglich. Ich finde aber Mackerras gelingt es. Er erreicht nicht die Klangschönheit eines
Ludwig Güttler, verschleppt aber keinen der Sätze derart wie Güttler dies mindestens im Menuett-Satz unterläuft und hat insgesamt einfach eine Idee mehr Zug drin. Auch Vergleich mit den extremeren Norrington, Gardiner und Jacobs auf der einen Seite und dem romantischen Altmeister Böhm andererseits muss er im positiven nicht scheuen. Mackerras hat einen Mittelweg zwischen den Extremen gewählt, der in diesem Fall sehr viel Freude bringt. Zügige, aber nie gehetzte Tempi, Transparenz, präzise Phrasierung ohne Überbetonungen. Sicherlich: eine unspektakuläre Interpretation, aber für mich eine sehr gelungene, auch wenn ich zwei Dinge einräumen: die für meinen Geschmack optimale große g-moll-Symphonie habe ich noch nicht gefunden und ich ziehe wegen des exquisiten Klangbilds letztlich Güttler vor, aber Mackerras gehört für mich zum vorderen Vorderfeld.
Seiner Jupiter-Symphonie aus diesem Zyklus hingegen fehlt es einfach an Temperament und Schwung, am gravierendsten fällt dies im Finale aus, aber auch die Sätze 1 und 3 betrifft es. Nicht dass es bleiern und langweilig wäre, was das Prague Chamber Orchestra unter Mackerras' Leitung hier bietet, aber es ist eine austauschbare Interpretation. Es gibt Minimum 20 Interpretationen, die ähnlich klingen und von der Lesart Mozarts her ähnlich aufgebaut sind. Auch bei der Jupiter-Symphonie tu ich mich schwer mit der Benennung des Favoriten: Böhm hat seine Vorzüge, ist mir aber letztlich zu süßlich und im Menuett zu langsam, Norrington wäre perfekt, wenn er die Trompeten gezügelt hätte, Jacobs gefällt mir letztlich am besten, aber seine Lesart ist schon sehr extrem. Mackerras reiht sich im Mittelfeld ein.