Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist kein gewöhnliches Orchester. Vielmehr handelt es sich um ein Unternehmen, dessen Musiker als Gesellschafter auf eigenes Risiko arbeiten und nicht so gut abgesichert sind, wie dies die staatlich subventionierten Musiker der Rundfunkorchester oder der diversen Philharmoniker und Symphoniker sind. Musikalisch beschreibt sie ihr Chefdirigient Paavo Järvi als "Group of soloists", nahezu alle sind nebenbei kammermusikalisch aktiv oder wie die Cellistin Tanja Tetzlaff oder der Konzertmeister Florian Donderer oder der Oboist Rodrigo Blumenstock auch als Solist oder Dirigent (Donderer) (weitere wären zu nennen).
Durch beharrliches Arbeiten hat sich dieses Orchester über die Jahre von der soliden Mittelklasse in Richtung Weltspitze vorgearbeitet, insbesondere die Arbeit mit den Dirigenten Thomas Hengelbrock und dem damaligen Jungstar Daniel Harding hat sich ausgezeichnet (speziell für Beethoven darf ich natürlich Heinrich Schiff auch nicht vergessen). Der Entschluss, Paavo Järvi zu dessen Nachfolger zu machen brachte den endgültigen Durchbruch. Mit ihrem Beethoven-Symphonien-Zyklus setzen die Kammerphilharmoniker Maßstäbe. Ihre CD mit Beethovens Eroica und seiner Achten Symphonie wurde mit dem Preis der Deutsche Schallplattenkritik 2007 ausgezeichnet. Paavo Järvi erhält im Jahr 2010 den ECHO KLASSIK als Dirigent des Jahres für die Aufnahmen der "Pastorale" und der 2. Symphonie.
Die hier vorliegende CD mit 4. und 7. Symphonie steht den genannten in keiner Weise nach. Das Orchester startet gefühlvoll in das Adagio des 1. Satzes der Vierten Symphonie. Wie Haydn dies schon gerne machte und Beethoven es bereits in seinen ersten beiden Symphonien tat, verrät etwas über 2 Minuten nichts, welche Fröhlichkeit dieses Werk entfalten wird, bis dann (hier ab 2:24) das Allegro vivace eingeleitet wird. Hier zeigen sich Järvi und das Orcheter in Höchstform: fröhlich, tänzerisch, schwungvoll, zwar schnell, aber keineswegs gehetzt, sondern für meinen Geschmack wirklich adäquat Allegro viace, mit deutlich gesetzten Akzenten, klarer rhythmischer Struktur, ohne dass dabei der Ausdruck verloren ginge. Ein herrlich gelungener erster Satz. "Adagio heißt ruhig, nicht langsam" belehrt uns Sir Roger Norrington in den Konzerteinführungen zu seinem Zyklus mit dem Radio-Symphonie-Orchester Stuttgart des SWR. Dieses Motto beherzigt auch Järvi im 2. Satz der Vierten, was allerdings nicht dazu führt, dass hier in irgend ein Form das Tempo gar zu sehr angezogen würde, aber das weihevoll-verklärende, romantische, dass diesem Satz in vielen anderen Interpretationen sonst anhaftet wird hier durch ein relativ zügiges Tempo ersetzt, was für meinen Geschmack dem Ausdruck durchaus dienlich ist. Der vibratoarme Streicherklang der Kammerphilharmonie ist ausgezeichnet, die Bläser stehen dem in nichts nach.
Menuett und Finale werden zügig, temperamentvoll, sehr klar, sehr transparent, sehr deutlich phrasiert und sehr tänzerisch dargeboten. Ich kenne viele Versionen der 4. Symphonie, bisher keine bessere.
Ähnlich geht es mir mit der 7. Symphonie. Dieser Symphonie tut die kleine (bzw. der Partitur entsprechende) Besetzung für meinen Geschmack sehr gut. Ein breiter Streicherteppich à la Karajan macht das "Poco sostenuto" im ersten Satz zäh und klebrig (auch Kleiber hat für meinen Geschmack dieses Problem im 1. Satz). Die kleine Besetzung macht den Orchesterklang einfach deutlich beweglicher. Ich gebe zu, im Vivace des ersten Satze mag ich Aufnahmen, die etwas mehr Bläservolumen haben auch sehr gerne (Karajan, Kleiber), aber auch hier der gleiche Vorteil: es klingt so herrlich tänzerisch, was Järvi und das Orchester hier bieten. Herrlich!
Im 2. Satz spielen sie Allegretto, nicht Andante oder Adagio mit Hang zum Largo, wie das sonst traditionell gerne gemacht wurde, im 3. Satz ein nicht zu schnelles Presto, so dass den Bläsern die Möglichkeit zur guten Phrasierung bleibt. Der vierte Satz herrlich durchsichtig (was ich dadurch, dass ich diese Aufnahme so oft gehört habe an Details gefunden habe, die ich bei Kleiber lange und bei Karajan vergeblich suchen musste). Einzig gilt auch hier: ein satter Hörner-Klang (Karajan) oder ein offensives Spiel von Hörnern und Flöten (Kleiber) tut diesem Satz sehr gut. Hier hat Järvi vielleicht eine Nuance zu viel entschlackt. Das Tempo ist flott, aber keineswegs übertrieben hoch, kein Prestissimo à la Dudamel, aber eben auch kein Allegretto wie z.B. bei Solti.
Die vierte Satz der Siebten bestich vor allem dadurch, dass Järvi eben nicht nur über das Tempo das Tänzerische herausarbeitet, sondern eben auch Rhythmus und Phrasierung. Er fasst diesen Satz als Zitat eines irischen Volkstanzes auf, der immer verrückter dargeboten und in einem "Galopp zur Hölle" kulminiert (so Järvi in der Dokumentation "Das Beethoven-Projekt"). Insgesamt eine weit herausragende Siebte, ich wüsste niemanden, der genau so gut wäre, Kleiber schafft für meinen Geschmack einen ebenfalls sehr schönen vierten Satz, reicht aber dabei was das Tänzerische betrifft auch nicht an die Bremer heran und fällt vor allem in den anderen Sätzen deutlich hinter sie zurück.
Für mich eine riesige Bereicherung und meines Erachtens für jeden Beethovenfan ein Muss, sofern er sich von der Hörgewohnheit der Großorchester lösen möchte!