Antonio Pappano, der italienische Tausendsassa am Pult, im gottesfürchtigen Barock wie in der Opera Buffa gleichermaßen heimisch, versucht sich immer wieder mal an der russischen Sinfonik. Jüngst an Rachmaninows zweiter Sinfonie, zuvor an Tschaikowskys "letzten" drei Sinfonien. Die vorliegende Aufnahme ist 2007 entstanden. Gemeinsam mit Pappanos grandiosem Orchestra dell' 'Accademie Nazionale di Santa Cecilia. In der Fachpresse ist gelegentlich zu lesen, Pappano laufe gerade bei tragisch oder spirituell geprägten Werken Gefahr, allzu sehr in romantischen Wohlklang zu verfallen, das Schroffe, Kantige, Weltanschauliche in derlei Musik sinfonisch zu nivellieren, zu verharmlosen.
Nun, bei Tschaikowsky ist ihm das nicht passiert. Sicher, seine Interpretation reicht nicht an die Allzeit-Referenz von Evgeny Mravinsky mit der Leningrader Philharmonie (1961) heran, an das Unverblümte, Sehnsuchtsvolle, Karge und Bedrohliche dieser Aufnahme, aber: Pappanos Interpretation zeichnet sich durch Feinsinn, Akzentuierung und Genauigkeit aus, durch ein hoch entwickeltes musikalisches Gespür und sorgfältige "Linienführung". Pappano schätzt das Filigrane, die Arabeske, aber auch das wuchtige Ornament und nicht zuletzt die Dramatik. In der Mischung aus Melancholie und mediterranem Temperament entsteht eine spannungsgeladene Interpretation, die zum sorgfältigen Zuhören wirklich einlädt. Natürlich feiert bei Pappano die Musik, und Pappano feiert die Musik. Aber dabei entsteht gleichsam ein "Tschaikowsky für unsere Zeit". Von der neuesten Einspielung durch Daniel Barenboim, ihre "postmoderne" Klarheit und Kühle hebt Pappanos Aufnahme sich durch Körperlichkeit, Nähe und Wärme ab. Das rückt ihn vermutlich näher an den Geist der russischen Sinfonik heran als andere. Eine überzeugende, ehrliche, gefühlvolle und - ja auch das - eine sehr schöne Reverenz vor dem großen russischen Sinfoniker.