Auf classicstoday.com zumindest wird diese Aufnahme, Ergebnis eines Projekts in Minneapolis von 2005 bis 2008, als neue "Referenzaufnahme" für die Beethoven-Symphonien in höchsten Tönen gelobt, sowohl in den Einzeleinspielungen als auch als Gesamtaufnahme. Auch hier auf den Amazon-Seiten liest man enthusiastische Bewertungen.
Ich hätte einerseits weder das Orchester aus Minneapolis noch den finnischen Spezialisten für skandinavische Musik Osmo Vänskä als Kandidaten für eine herausragende Beethoven-Deutung auf der Rechnung gehabt, andererseits machte das früher eher auf nordische Musik spezialisierte Label BIS in der letzten Zeit ja mit sehr interessanten Aufnahmen etwa mit dem Schwedischen Kammerorchester unter Thomas Dausgaard mit seiner Serie "Opening Doors", mit der historisierend angehauchten Einspielung der Beethoven-Klavierkonzerte mit Brautigam und Parrot und auch durch die Bacheinspielungen mit Masaaki Suzuki seine Amibitionen im klassischen deutschen Repertoire teils sehr überzeugend deutlich.
Vergleicht man die Beethoven-Einspielung unter Vänskä mit den aktuellen Deutungen seit David Zinman, und da gibt es auch im neuen Jahrtausend schon eine ganze Menge, ergeben sich viele Parallelen. Dirigiert wird aus der derzeit als Standard geltenden neuen Urtext-Edition, das amerikanische Orchester ist in deutscher Sitzordnung positioniert, also mit korrespondierenden Violinen, den Bässen hinter den ersten Geigen, oft ein erheblicher Gewinn, nehmen Sie z. B. das Finale der Siebten, die Streicher spielen mit wenig Vibrato, dafür wird sehr viel Wert auf Deklamation und Agogik gelegt, herausragend hier in dieser Aufnahme aus meiner Sicht die Orchester-Rezitative in der Einleitung des Finales der Neunten, Transparenz geht meist vor Klangfülle.
Die Tempi sind im Vergleich zu etwa den neueren Aufnahmen aus dem Gewandhaus unter Chailly (
Sämtliche Sinfonien 1-9 (Ga)) oder aus Bremen unter Paavo Järvi (
Sinfonie Nr. 9 und weitere Einzel-SACDs), erst recht im Vergleich zur Zinman-Aufnahme und zu mancher Einspielung auf historischen Instrumenten (Gardiner, die alte Norrington-Aufnahme) gemäßigter, wenn man die sehr schnell genommene Neunte hört, nicht deswegen, weil die insgesamt fabelhaft disponierten Damen und Herren aus Minneapolis es nicht könnten, sondern sicher in der Absicht, Details besser hörbar zu machen und der Musik mehr Raum zum Atmen zu geben.
Der zweite Satz der Eroica etwa gewinnt durch das Mehr an Zeit vielleicht etwas an Bedeutungsschwere. Es entsteht nie der Eindruck des Gehetzten, erst recht jedoch wirken diese Einspielungen an keiner Stelle lahm. Die beiden ersten Symphonien werden z. B. sehr schlank und spritzig wiedergegeben, in der Pastorale werden die gesanglichen Momente betont, zumal bei der Siebten merkt man nach dem selbstbewussten Schlussakkord nach einem furiosen Finale förmlich, welche Freude die Musiker gehabt haben müssen in dem Bewusstsein: Jawohl, auch wir können Beethoven spielen, und wie! Für mich persönlich nicht endgültig befriedigend ist wie in vielen anderen hochkarätigen Aufnahmen auch das Gesangssolistenquartett in der Neunten, wo im Gegensatz zum Orchester mit dem Vibrato wenig gehaushaltet wird.
Die Aufnahmequalität ist wie so oft bei BIS bestechend, zumal wenn man die Möglichkeit hat, die SACD-Spur zu hören, die räumliche Verteilung im Surround-Modus ist dabei sehr natürlich und konventionell, man sitzt eben im Auditorium, nicht wie bei Aufnahmen etwa der RPO-Serie mitten im Orchester. Die Gesamtaufnahme vereinigt die CDs in Papierhüllen in einer Pappbox, im mehrsprachigen Begleitheft gibt es eine Einführung des Beethoven-Forschers Barry Cooper, für die Qualität ist der Preis sehr erschwinglich.
Wenngleich ich in letzter Konsequenz die Aufnahmen mit Paavo Järvi (ruppiger, noch mehr Transparenz, noch mehr Details, sehr gute Solisten in der Neunten, auch exzellenter Klang) und auch Riccardo Chailly (der phantastische Klang des Gewandhausorchesters, ein Quäntchen mehr Risikofreude, mit eingespielte, hervorragend interpretierte Ouvertüren) bevorzugen würde und mit der Vergabe eines Referenzstatus ohnehin vorsichtig wäre, gefallen mir diese Aufnahmen, bei denen der Funke des sympathischen Ensembles sehr oft überspringt, sehr gut. Deshalb auch von mir fünf Sterne und eine uneingeschränkte Kaufempfehlung!