Im Jahr 1946, kurz nach Beendigung des 2. Weltkrieges, erfüllte sich der britische Columbia-Produzent Walter Legge einen langgehegten Traum und gründete das Philharmonia Orchestra London. Zu diesem Zweck hatte er bereits während des Krieges nach den besten Musikern in den diversen Orchestern des Vereinigten Königreiches Ausschau gehalten. Mit größter Sorgfalt stellte er seinen Klangkörper zusammen, der in erster Linie zu Plattenaufnahmen für den EMI-Konzern dienen sollte. Aber auch im Londoner Konzertleben der Nachkriegszeit, später auch auf ausgedehnten Reisen, war dem Orchester eine herausragende Rolle zugedacht.
Ursprünglich hatte Legge nicht an einen Chefdirigenten gedacht, sondern der neue Klangkörper sollte unter den verschiedensten Dirigenten spielen, um dadurch eine besondere Vielfältigkeit des Ausdrucks zu erreichen. Nachdem er aber Herbert von Karajan in Wien kennengelernt und dort mit ihm Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern erstellt hatte, vertraute er seine Londoner Orchestervereinigung diesem jungen, vielversprechenden Dirigenten an. Karajan stürzte sich denn auch mit Feuereifer in die Arbeit und schuf in wenigen Jahren aus dem jungen Klangkörper ein Orchester von Weltrang.
Die zwischen 1951 und 1955 aufgenommenen Beethoven-Symphonien zeugen von diesem Höhenflug, an den das Orchester bis zum Ende der Ära Klemperer (1973) anschließen konnte, den es aber dann später nie wieder erreicht hat.
Es waren die Pionierjahre der Langspielplatte, und Karajan stieg hier mit seiner ganzen Energie und jugendlichem Elan ein und schuf so geradezu revolutionäre Beethoven-Auslegungen, die sich deutlich von den damals im deutschen Kulturraum dominierenden Furtwängler-Aufnahmen unterschieden und dem Hörer ein ganz neues, entschlacktes Beethoven-Bild vermittelten. Karajans Londoner Deutungen lehnen sich unüberhörbar an Toscaninis NBC-Aufnahmen an, die zu dieser Zeit in Mitteleuropa noch nicht im Handel waren.
Die ungemein geschmeidige Artikulation, die penible Genauigkeit in der Dynamik, was vor allem die untersten Stärkegrade betrifft, die Deutlichkeit der Bläserstimmen, die eine superbe Qualität der damaligen Philharmonia-Bläser aufscheinen lässt, der temperamentvolle, dabei stets exakt kontrollierte Zugriff sind die herausragenden Merkmale dieser Interpretationen. Trotz der beschränkten Mono-Möglichkeiten (nur die Achte wurde 1955 schon in Stereo aufgezeichnet) ist der Klang voll und ganz in den Dienst der symphonischen Struktur gestellt. So erinnern diese frühen Karajan-Aufnahmen auch an die legendäre Leibowitz-Ausgabe der Beethoven-Symphonien von 1961 und bezeugen die überaus moderne, stark an den Metronom-Angaben des Komponisten orientierte Auffassung des damaligen Mittvierzigers Karajan. Höhepunkte dieser ersten Annäherung Karajans an Beethovens symphonischen Kosmos sind die farbenprächtige Sechste, die schlanke, ganz elegant daherkommende Eroica und die temperamentvolle Siebente, deren einmalige Geschlossenheit der Dirigent später nie mehr, selbst nicht in seiner großartigen Erstaufnahme mit den Berliner Philharmonikern aus dem Jahr 1961 (DGG), in dieser einmaligen Qualität erreichte. Dabei hütete sich Karajan vor Exzessen und ließ die Virtuosität des Orchesters nie zum Selbstzweck werden, trotz der Versuchung angesichts dieses Perfektionsensembles. Die Neunte glänzt mit einem fantastischen Solistenquartett (Schwarzkopf, Höffgen, Haefliger, Edelmann) und einem präsenten, erstklassig besetzten Chor (Wiener Singverein). Der Philharmonia Chorus existierte damals noch nicht.
Zur Klangqualität habe ich mich schon geäußert; die EMI hat es an nichts fehlen lassen, um die alten Aufnahmen so durchsichtig und klangvoll wie möglich zu präsentieren. Dem Album liegt ein hervorragendes Textbuch in mehreren Sprachen bei. Wer Karajans DGG-Aufnahmen von 1961 schon besitzt, sollte nicht zögern, seine jugendfrischen Londoner Ersteinspielungen aus den frühen 1950er Jahren kennzulernen. Es lohnt sich. Der fehlende fünfte Stern geht zu Lasten der zwar guten, aber doch für heutige Maßstäbe überholten Klangtechnik.