Antal Dorati (1906-1988) war ein ungarischer Dirigent, der viele Jahre in den USA (u.a. Dallas, Minneapolis) an hervorragender Stelle gewirkt hat. Leider ist sein reiches diskographisches Erbe inzwischen weitgehend aus den internationalen Katalogen verschwunden. Auch die hier besprochene Tschaikowsky-Kassette ist im offiziellen Handel nicht mehr zu finden.
Der Künstler lebt heute im Gedächtnis der meisten Musikfreunde vor allem durch seinen Einsatz für die Symphonik Joseph Haydns fort. Dessen symphonisches Gesamtwerk hat er in den 1970er Jahren mit der in Marl ansässigen Philharmonia Hungarica, einem inzwischen leider dem Rotstift zum Opfer gefallenen Ensemble, erstmals komplett aufgenommen. Die DECCA hat diese Aufnahmen kürzlich aus Anlass des Haydn-Jahres preiswert wieder veröffentlicht. Auch etliche Opern und Oratorien Haydns sind von Dorati eingespielt worden und zum Teil auch noch erhältlich.
Dorati war aber keineswegs nur ein Haydn-Spezialist. Viele Werke des klassischen und romatischen Repertoires waren fester Bestandteil in seinen Aufführungen und Plattenaufnahmen. Besonders stark gemacht hat er sich zeitlebens für die Werke slawischer Komponisten.
Die hier von PHILIPS wieder aufgelegte Tschaikowsky-Edition entstand in den 1960er Jahren für das Label MERCURY und wurde für die Neuausgabe hervorragend restauriert. Doratis Tschaikowsky ist weit entfernt von Rührseligkeit und Sentimentalitäten. Damit liegt er auf einer Linie mit so bekannten Dirigenten wie Igor Markevitch (Philips) und Evgeny Mrawinsky (DGG), die z.T. bereits in den 1950er Jahren mit dem überkommenen Tschaikowsky-Bild gründlich aufgeräumt hatten. Natürlich gibt es modernere, auch klangtechnisch ausgereiftere Versionen dieser Stücke, aber wer Dorati besonders schätzt, der sollte an dieser recht preiswerten 5 CD-Box nicht achtlos vorbeigehen. Sie weckt wehmütige Erinnerungen an einen bedeutenden Künstler, der lange Jahre ein fester Begriff in der internationalen Musikszene war. Neben den Symphonien enthält das Album noch etliche andere Werke des russischen Komponisten, wie den bekannten Slawischen Marsch op. 31, einige Ouvertüren, Polonaise und Walzer aus "Eugen Onegin" sowie die selten aufgeführten Variationen über ein eigenes Thema op. 35a. In den meisten Fällen kommt das glänzend disponierte London Symphony Orchestra zum Einsatz, aber auch einige andere Ensembles, so die bereits erwähnte Philharmonia Hungarica, wurden zur Mitwirkung herangezogen.
Ich persönlich bin erstmals durch die PHILIPS-Aufnahme der Neunten Symphonie von Antonin Dvorak aus 1959 (mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam) auf Antal Dorati aufmerksam geworden. Diese, inzwischen leider ebenfalls gestrichene Einspielung, gehört bis heute zu meinen Lieblings-Interpretationen des Werkes.
Klanglich gibt es, wie schon erwähnt, an der hier besprochenen Kassette nicht viel zu bemängeln, und künstlerisch kann sie neben anderen, berühmteren Ausgaben (Karajan, Muti, Swetlanow) durchaus bestehen. Das beiliegende Textbuch ist nicht gerade opulent, aber durchaus zufriedenstellend.